Verschwörungstheorien und der neue Nationalismus
Verschwörungstheorien als Wirklichkeitsverweigerung
Die zahlreichen Verschwörungstheorien, die in den letzten Jahren den politischen Diskurs mitbestimmt haben, divergieren in ihrer jeweiligen Ausrichtung, obwohl sie teilweise von denselben Menschen geglaubt werden: die Leugnung der Corona-Pandemie, die von den Demokraten gestohlene Wahl in den Vereinigten Staaten 2020, The Great Reset, der gesteuerte Bevölkerungsaustausch, der große Stromausfall, Chemtrails, QAnon, bis hin zu Echsenmenschen und vielem anderen mehr. Die Verschwörungsmythen sind enorm vielfältig. Kaum ein Feld, das sie nicht besetzen. Umso bezeichnender, woran die Verschwörungserzählungen der letzten Jahre nicht anknüpfen: Den Klimawandel oder die Gefahren durch künstliche Intelligenz. Beides eignet sich hervorragend für apokalyptische Katastrophenszenarien, ganz nach dem hysterischen Geschmack der Anhänger von Verschwörungstheorien. Aber die Gefahren durch den Klimawandel oder KI haben einen entscheidenden Makel: Sie sind real. Darum eignen sie sich nicht für die Anhänger von Verschwörungstheorien.
Der Reiz der Verschwörungstheorie liegt in ihrer Wirklichkeitsverweigerung. Die Realitätsflucht ist nicht etwa ein Manko, sondern genau das, was die Anhänger der Verschwörungstheorien anzieht. Der Versuch, Anhänger von Verschwörungstheorien mit rationalen Argumenten und Faktenchecks von der Falschheit ihrer Meinung zu überzeugen, ist daher auch wenig erfolgversprechend. Im Einzelfall mag es gelingen, wenn beide Seiten sich wirklich ausgiebig Zeit nehmen für Kommunikation und Argumentation. Das ist im hektischen politischen Diskurs bekanntermaßen eher die Ausnahme.
Zumal der Hang zur Realitätsverweigerung seinen (digitalen) Widerhall bei jenen findet, die sich gleichfalls rationalen Erklärungen widersetzen und die sich so wechselseitig in ihrer Absage gängiger Erklärungsmodelle verstärken. In der Rebellion gegen die Rationalität und die Wissenschaftsgläubigkeit, die seit Jahrzehnten die herrschende Konvention in der Weltauslegung und damit auch im politischen Diskurs ist, wird eine Emphase erlebt, die in heroischer Weise selbstermächtigend und insofern selbstzweckhaft ist: Dem als `Mainstream´ geschmähten rationalen Konventionalismus die Gefolgschaft zu versagen, ermöglicht es, Autorität zu stürzen und sie sich selbst anzueignen: Ungebildete können die Gleichrangigkeit mit Gebildeten beanspruchen, Laien können Experten anzweifeln, Gläubige können Wissende zurückweisen. – Die Dalits der Wissensgesellschaft haben ein diskursiv und politisch wirksames Instrument für ihr Ressentiment.
Und weil es wenig aussichtsreich ist, mit Rationalitätsverweigerern rational zu argumentieren, geben die Menschen, die eine rational-konventionelle Vorstellung vom Weltgeschehen haben, es zumeist auch bald auf, die Menschen in ihrer Umgebung, die Verschwörungstheorien anhängen, überzeugen zu wollen. Die übliche Strategie besteht darin, bestimmte Themen nicht mehr anzusprechen, zu schweigen oder das Thema zu wechseln, weil die Überzeugungsarbeit ziemlich schnell als zu mühselig und erfolglos erlebt wird. In der Regel ist die Dynamik aber ohnehin eine umgekehrte: Nicht die rationalen Konventionalisten versuchen, die Anhänger von Verschwörungserzählungen zu bekehren, sondern die Verschwörungstheoretiker treten offensiv und agitationsbereit auf und scheinen von dem Impetus erfüllt, die Menschen in ihrer Umgebung, die anderen, die Welt `retten´ zu müssen.
“Die Bundesrepublik ist kein Staat, sondern eine Firma”; “Flugzeuge stoßen giftige Dämpfe aus, um die Menschheit zu vergiften”; “eine satanische Sekte foltert und ermordet Kinder, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen”; ... usw. Die Phantasien der Verschwörungstheoretiker sind teilweise derart abstrus, dass man am Verstand der Person zweifeln würde, wenn sie die einzige Person wäre, die Derartiges äußern würde. Tatsächlich sind die Ideen so versponnen, dass sie sofort den Verdacht einer paranoiden Schizophrenie hervorrufen würden, wenn es sich nicht um eine Aussage handelte, die von vielen anderen Menschen geteilt würde. Die Menschen, die solchen Ideen zuneigen, sind auf der Verhaltensebene in der Regel aber völlig normal. So absurd und pathologisch die jeweiligen Phantasien auch anmuten mögen, entstammen sie den Gehirnen von Menschen, die ansonsten einwandfrei funktionieren. Menschen, die zu Verschwörungstheorien neigen, zeigen in der Regel keinerlei psychisch auffälliges Verhalten und haben keine Tendenz, psychotherapeutische Hilfe häufiger in Anspruch nehmen zu müssen als andere. Psychisch abnormal werden Ansichten und Verhalten erst dann, wenn sie abstruse Phantasien äußern, verbunden mit der penetranten Tendenz, diese anderen aufzwingen zu wollen.
Verschwörungstheorien und Politik
Ein Merkmal dieser Phantasien ist, dass es sich oft um politisch relevante Ansichten handelt. Nicht immer, aber häufig werden die wirren Ideen zur Erklärung von politischen Abläufen herangezogen. Oder sie sollen das eigene politische Handeln begründen, weil man sich gegen eine fiktive, im Sinne der Verschwörungstheorie aber als real angenommene Gefahr zu Wehr setzen wolle. Politische Verschwörungsmythen sind keineswegs nur eine Spezialität der politischen Rechten. Die Erklärung von Missständen auf dem Planeten mit der Herrschaft alter weißer Männer – also einer nach Rasse, Geschlecht und Alter definierten Gemeinschaft – erfüllt die Merkmale einer Verschwörungstheorie ebenso wie der im Westdeutschland der 1970er und 80er Jahre weit verbreitete Vorwurf, die RAF-Gefangenen seien von bundesrepublikanischen Behörden in der Haft ermordet worden oder die stalinistische Propaganda von der trotzko-faschistischen Verschwörung gegen die Sowjetunion.
Seit Entstehung der klassischen politischen Lager, seit der Französischen Revolution hat sich die radikale Linke immer wieder Verschwörungstheorien bedient, um aggressive, oftmals gewalttätige politische Maßnahmen zu legitimieren. Im jakobinischen Frankreich oder in der stalinistischen Sowjetunion wurden Verschwörungstheorien gezielt von politisch mächtigen Akteuren und ihren juristischen und publizistischen Handlangern in die Welt gesetzt, um interessengeleitete Politik durchzusetzen und politische Rivalen auszuschalten. Eine aus rationalem Kalkül verbreitete Propagandalüge entfaltet ihr verschwörungstheoretisches Potenzial, wenn diese offensichtlich irrationalen Narrative von den Anhängern dieser politischen Akteure, also von einer Masse von Menschen geglaubt und weiterverbreitet werden. Und genau das passierte. Die offensichtlich von keiner Evidenz gedeckten Anschuldigungen wurden – wider jede Vernunft – massenhaft geglaubt und als Begründung für eine Verschärfung des politischen Handelns angesehen. Die Verschwörungserzählungen dienten sowohl im Frankreich nach der Revolution wie auch in der stalinistischen Sowjetunion als Rechtfertigung für Terror und massenhafte Hinrichtungen. Der Realitätsverleugnung folgte eine gewalttätige Politik, die ihre Rechtfertigung aus einer wirklichkeitsfremden, evidenzbefreiten Politikdeutung bezog.
Und genau hier zeigt sich ein spezifisches Merkmal der Anhänger von Verschwörungstheorien jedweder politischer Couleur: Sie neigen zu radikaler, teilweise auch zu Gewalt legitimierender Politik. Politik, wie sie in Krisenzeiten auftreten kann, wenn ein politisches System einer umwälzenden Transformation unterworfen oder existenziell bedroht ist: Die Theorie von der Verschwörung des Weltjudentums tauchte nach dem Untergang einer von Klerus und Aristokratie geprägten Gesellschaft auf und trug zum Aufstieg des Faschismus bei, die Anschuldigung der trotzko-faschistischen Verschwörung wurde erhoben als die Sowjetunion auf der Welt politisch und militärisch komplett isoliert und von wirtschaftlichen Rückschlägen gezeichnet war. Jeweils Situationen, in denen eine politische Struktur, ein Gesellschaftssystem untergegangen war oder von Untergang bedroht war.
Wenn heutzutage also Verschwörungstheorien verstärkt Konjunktur haben, reagieren sie dann wieder auf eine kollektive mentale Krise, weil ein politisches Gesellschaftsmodell in einer Transformation begriffen ist? Wenn wir schauen, bei welchen Bewegungen und Parteien Verschwörungstheorien derzeit am meisten auftreten, ist die Antwort eindeutig: Bei den Rechtspopulisten. Egal ob die AfD in Deutschland, die MAGA-Bewegung in den Vereinigten Staaten, die Fidesz-Partei in Ungarn oder Einiges Russland in der Russischen Föderation: Die Empfänglichkeit der Anhänger dieser Parteien für paralogische Argumentationen und deren bewusster Einsatz durch das Führungspersonal dieser Parteien zur Emotionalisierung ihrer Anhänger ist ein Merkmal, das global nachweisbar ist. Ob in Indien, Europa, Brasilien, den USA oder Russland: Die überall erstarkenden nationalistischen Bewegungen und Parteien haben eine massive Tendenz zu Verschwörungstheorien in ihrer Propaganda.
Die Ziele des neuen Nationalismus
Warum sind gerade die Anhänger dieser Parteien so empfänglich für Verschwörungstheorien? Welchen Zusammenhang kann es geben zwischen einer irrationalen Wirklichkeitsverleugnung und der Zielsetzung dieser Parteien? Dazu muss man sich anschauen, was diese Parteien und Bewegungen wollen. Was ist das zentrale Anliegen der nationalistischen Bewegungen, die sich rund um den Globus daran gemacht haben, die politische Macht zu erobern? Das Primäranliegen ist ganz eindeutig: die Bewahrung des Nationalstaats. Bewahrung in zweierlei Hinsicht: Einmal als politisch souveräne Instanz, d.h. das Zurückdrängen des Einflusses supranationaler Institutionen wie der UN, der EU, der NATO, der WHO, des IWF, des Mercosur, …usw. Institutionen und Bündnisse, die den einzelnen Staaten Vorteile gewähren, aber mit Einflussnahme auf das politische Handeln der Mitgliedsstaaten verbunden sind, was von einigen Einwohnern dieser Staaten als bevormundend und undemokratisch – denn sie haben über die jeweiligen Regeln und Vorgaben, die ihnen von den supranationalen Institutionen und Bündnissen auferlegt werden, oft nicht unmittelbar abgestimmt – abgelehnt wird.
Darüber hinaus ist das Anliegen der Nationalisten die Bewahrung des Nationalstaats als ethnisch und kulturell homogene Gesellschaft. Die Globalisierung führt zu einer ethnischen Durchmischung der Gesellschaften. Fast ein Drittel der Deutschen hat einen Migrationshintergrund, in den Großstädten liegt der Anteil bei um die 40 Prozent und gibt damit die Zukunft vor: bei Kindern unter fünf Jahren liegt der Anteil derzeit bei knapp 43 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. In den anderen Industrienationen sieht es ähnlich aus. Die weltweite Bildungs- und Arbeitsmobilität sowie Flüchtlingsbewegungen haben, gekoppelt mit moderner Reiseinfrastruktur, zu einer rasanten Verschiebung der Bevölkerungszusammensetzung innerhalb weniger Jahre geführt.
Die kulturelle Durchmischung ist noch länger im Gange. Sie ist für die Verblassung oder Auslöschung nationaler und regionaler Traditionen mindestens so wirkmächtig wie die ethnische Durchmischung. Und sie ist deshalb so erfolgreich, weil sie auf den Geschmacks- und Konsumentscheidungen genau derjenigen basiert, die durch dieses Konsumverhalten ihre kulturellen Traditionen preisgeben. Unter anderem durch Tourismus, Holly- und Bollywood oder Popkultur gibt es eine weltweite Verschleifung nationaler und regionaler Geschmäcker und Bräuche. Angelsächsisch dominierte Popkultur, globale Brands wie Adidas oder Levi‘s, global agierende Restaurantketten wie McDonald‘s oder beliebte Gerichte wie Pizza oder Frühlingsrollen haben sich über den gesamten Planeten verbreitet und löschen überall, wo sie sich durchsetzen, regionale und nationale Sitten und Gebräuche aus: In der Musik, in der Kleidung, in der Küche, in den Wertvorstellungen. Die Nivellierung der Vielfalt jahrhundertealter kultureller Sitten und Gebräuche in der globalisierten Moderne schreitet genauso unbarmherzig fort wie das Artensterben in Flora und Fauna durch die Umweltzerstörung auf dem Planeten.
Man muss davon ausgehen, dass viele Menschen den Souveränitätsverlust des Nationalstaats und die Verblassung oder auch Auslöschung tradierter Bräuche als großen Verlust empfinden. Eine Verlusterfahrung, die sich zum einen auf der bewussten Ebene vollzieht, viel wirkmächtiger aber im Empfinden der Menschen, die eine Jahrhunderte bestehende Erfahrungsgewissheit ihres kollektiven Miteinanders verlieren. Die Nationalstaaten als die maßgebliche identitätsstiftende politische Organisationsform bestanden in Europa seit dem Mittelalter. Menschen sprechen eine Sprache, wohnen seit Generationen gemeinsam im selben Staatsgebiet oder sogar am selben Ort, haben grundlegende gemeinsame kulturelle Übereinkünfte wie eine einheitliche Religion und überkommene Traditionen und sind in einem durch diese Gemeinsamkeiten definierten Staatsgebilde organisiert und einander verpflichtet. Natürlich war die nationalstaatliche Organisation immer damit verbunden, von anderen stärkeren Nationen dominiert zu werden, aber die aus der Geschichte bekannten nationalen Widerstandsbewegungen gegen eine fremdländische Dominanz sind ein Hinweis, was die derzeit den Bürgern abgeforderte teilweise Selbstaufgabe nationaler Souveränität zugunsten supranationaler Organisationen den Menschen zumutet.
Der Verlust nationaler und regionaler Traditionen zugunsten einer globalen Einheitskultur dürfte mindestens so schmerzhaft sein. Dass sich die politische Agitation der Nationalisten hier zurückhält, dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass es die eigenen Konsumentscheidungen sind, welche die kulturelle Nivellierung vorantreiben. Genau wie bei der Mitgliedschaft in supranationalen Organisationen, hat der jeweilige Staat und die jeweilige nationale Gesellschaft einen Vorteil, den sie nur ungern aufgeben will, dessen Nebenwirkungen sich aber negativ auf nationale Souveränität und national-regionale Traditionen bemerkbar machen. Darum konzentriert sich die Empörung auf das schwächste Glied in der Kette: die Flüchtlingsmigration. Die trägt zum Traditionsverlust einer Gesellschaft zwar weniger bei als die bereits genannten Faktoren, ist aber mit dem geringsten Nutzen für die aufnehmende Gesellschaft verbunden, der daher die Ablehnung derselben leichter fällt.
Das Scheitern des Nationalismus
Wie realistisch ist nun das Ziel, den komplett souveränen Nationalstaat und national-regionale kulturelle Traditionen erhalten zu wollen? Die Flüchtlingsmigration mag man mit einer konsequenten Abschottungspolitik eindämmen können, aber wird sich die Internationalisierung der Politik und die kulturelle Angleichung deshalb aufhalten lassen? Wirtschaft und Politik sind längst global verflochten. Ein Prozess, der sich nur durch Wohlstandsverlust rückgängig ließe. Handelsbeziehungen mit global agierenden Bevölkerungsriesen wie Indien, China oder den USA wird man kaum aufgeben wollen. Handelsübereinkünfte mit diesen Schwergewichten bilateral auszuhandeln wird zu schlechteren Vertragsabschlüssen führen, als wenn die EU oder Mercosur als Vertragspartner in die Verhandlungen ziehen. Deswegen dürften kleine(re) Staaten sich immer wieder zu Handels- und Wirtschaftsgemeinschaften zusammenschließen, um sich die Handelsbedingungen nicht von den größeren Nationen diktieren zu lassen. Selbst wenn es also den Nationalisten in Europa und Lateinamerika gelingen würde, die EU und Mercosur zu beerdigen, würden sie später in abgewandelter Form wieder auferstehen, einfach weil die Internationalisierung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen weiter voranschreitet. Und natürlich würden die Einmischungen der internationalen Handelsorganisationen in nationales Recht wieder einsetzen.
Gleiches gilt für Militärbündnisse, die ebenso wie die Politik- und Wirtschaftsgemeinschaften ihren Mitgliedern in zentralen Fragen der nationalen Souveränität ein Mitspracherecht der Bündnisgenossen abverlangen. Die militärische Selbstverteidigung allein zu finanzieren kostet ein Vielfaches als seinen Beitrag in einem Bündnis zu entrichten. Ein beträchtlich größerer Teil des Bruttosozialproduktes müsste aufgewendet werden, wenn ein Staat sich tatsächlich alleine effektiv auf den Verteidigungsfall vorbereiten will. Das Geld stünde dann im Haushalt nicht zur Verfügung, was gezwungenermaßen zu Kürzungen in anderen Bereichen führen würde. Wenn nach einem NATO-Austritt gekürzte Renten und geschlossene Schulen als Preis für die autonome Verteidigungspolitik erkannt werden, wird der Eintritt in das gleiche oder ein anderes Bündnis die wahrscheinliche Folge sein. Und die gewisse Folge werden die Zumutungen in existenziellen Fragen staatlicher Souveränität sein, wie der wenigstens theoretisch fest zugesicherte Kriegseintritt im Bündnisfall.
In einer globalen Welt mit globalen Problemen wie dem Klimawandel und Pandemien können Nationalstaaten nur im Austausch mit anderen Staaten sinnvoll und zum eigenen Schutz agieren. Der Klimawandel oder Corona lassen sich national nicht effektiv bekämpfen, da es sich um ein weltweites Problem handelt, das sich, solange es besteht, auch im eigenen Land bemerkbar zu machen droht. Die Realität dieser Bedrohung unter Zuhilfenahme von Verschwörungserzählungen zu leugnen, ist nur mittelfristig wirksam, da sich langfristig die Folgen der verleugneten Gefahr um so nachhaltiger auch im eigenen Land bemerkbar machen werden, je weniger man ihr zuvor aufgrund der Leugnung begegnet ist. Gerade die globalen Problemlagen wie die Umweltzerstörung und die Erderwärmung erzwingen eine internationale Kooperation mit anderen Staaten.
Selbst wenn es gelingen sollte, die weltweiten Flüchtlingsbewegungen durch robuste Maßnahmen vor den eigenen Grenzen zum Halten zu bringen und den heimischen Arbeitsmarkt vor weiteren Fremdarbeitern konsequent abzuschotten und so eine weitere Zuwanderung zu unterbinden, würde die Zersetzung national-regionaler Kulturen weiter voranschreiten – hier und anderswo. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Menschen es wollen. Mögen sie ideologisch auch für eine Bewahrung tradierter Bräuche votieren, ließen sie sich in ihren persönlichen Lebens- und Konsumentscheidungen nicht davon abhalten, die globale Vielfalt zu konsumieren und zu genießen. Sie würden weiterhin ins Ausland reisen zu touristischen Zwecken oder auch für längere Zeit ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlagern, wenn es dem individuellen beruflichen Fortkommen dient. Sie würden weiterhin `fremde´ Nahrungsmittel und Kulturprodukte konsumieren und so darin fortfahren, ihre tradierten Bräuche und Gewohnheiten immer mehr aufzuweichen. Und sie würden weiterhin die Vorteile der Digitalisierung nutzen, die jeden Winkel dieser Erde mit dem Rest der Welt verbindet.
Das Scheitern des Nationalismus und die Wirklichkeitsverweigerung
Der Kampf für den komplett souveränen Nationalstaat und die ethno-kulturell homogene Gesellschaft geht also zwangsläufig verloren. Die Patrioten, wie sich die nationalistischen Rechtspopulisten selbst immer wieder bezeichnen, kämpfen einen Kampf, der aussichtslos ist. Das Ziel, einen souveränen Nationalstaat, eine ethnisch homogene Volksgruppe und national-regionale kulturelle Traditionen erhalten zu wollen, mag durchaus nachvollziehbar erscheinen, ist aber schlicht unrealistisch. Und zwar ist es so offensichtlich unrealistisch, dass man sich fragen mag: Wie kann es sein, dass Parteien mit einer so deutlich wirklichkeitsfremden Agenda weltweit eine Wahl nach der anderen gewinnen können? Wie können sie die Schlacht um die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen, wenn ihre Ziele mit der Realität schlichtweg unvereinbar sind?
Hier ergibt sich ein Hinweis, was es mit der Realitätsflucht bei den Anhängern der Rechtspopulisten, unter denen sich so auffällig viele Befürworter von Verschwörungstheorien finden, auf sich haben könnte: Die nationale Gemeinschaft, etwas über Jahrhunderte Selbstverständliches, was vielen Menschen Orientierung und ihren Seelen Halt gegeben hat, befindet sich in Transformation und teilweise in Auflösung. Dieser Transformationsprozess wird als krisenhaft erlebt und demzufolge von vielen Menschen abgelehnt und politisch aktiv bekämpft. Die Aussichten, diesen Kampf zu gewinnen, sind schlecht. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass die Aufweichung nationaler Gemeinschaften bereits weit vorangeschritten ist und weitergehen wird und die Welt, so wie wir sie kannten, sich innerhalb von nur einer Generation radikal verändert hat und dass diese Veränderung weitergehen wird.
Dieser Wirklichkeit kann man sich kognitiv und emotional stellen oder man kann dieser Wirklichkeit entfliehen, indem man sie mittels irrationaler politischer Phantasien verleugnet. Ein Symptom dieser Wirklichkeitsverleugnung mag die Neigung von Anhängern rechtspopulistischer Bewegungen zu Verschwörungstheorien sein. Viele Menschen, die dem globalen Transformationsprozess, in den die Nationalgemeinschaften hineingezogen werden, ängstlich bis kritisch gegenüberstehen, scheinen sich der Wirklichkeit der politischen Entwicklung dadurch zu entziehen, dass sie sich aus dieser regelrecht ausklinken. Durchaus analog zum Verhalten traumatisierter Individuen, die bestimmte Erlebnisse der eigenen Biographie durch psychopathologisches Verhalten ausblenden, ersparen es sich die von der politischen Entwicklung überrollten und überforderten Menschen, den unwiderbringlichen Verlust von Gewissheiten und liebgewonnenen Traditionen als politische Tatsache anerkennen zu müssen. Anstelle eines nüchternen politischen Realismus treten politische Wahnvorstellungen.