Psychologische Grundlagen des Kommunismus: Ist der Kommunismus ein Materialismus oder ein Idealismus?

Das Scheitern des Kommunismus in den Industriegesellschaften

Nach kommunistischer, insbesondere marxistischer Lesart führen diejenigen psychologischen Maximen, die die bürgerliche Gesellschaft herausbildet, zu ihrem Untergang: Der Homo oeconomicus, jener auf seinen eigenen Vorteil bedachte Mensch, für den ein Zugewinn an individueller Freiheit, politischer Macht und vor allem wirtschaftlichem Profit die Maxime seines gesellschaftlichen Verhaltens und politischen Handelns darstellt, gelangt im Zuge des Klassenkampfes zu der Überzeugung, dass die gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel für ihn den größten persönlichen Gewinn bedeutet: Einen Zugewinn an individueller Freiheit, politischer Macht und wirtschaftlichem Profit. Es sei kein moralischer Eifer, der das Proletariat beseele, wonach es ungerecht sei, wenn einige Menschen reicher und mächtiger als die Masse seien und weswegen man diese Ungerechtigkeit beseitigen müsse, um die klassenlose Gesellschaft zu verwirklichen. Vielmehr sei es also der Egoismus des Arbeiters, der seine persönliche soziale, politische und wirtschaftliche Situation verbessern wolle, der ihn zur Parteinahme für den Kommunismus und für den Umsturz des bestehenden politischen Systems einnehme. Der Kommunismus sei eben nicht Produkt moralischer Empörung tugendhafter Jakobiner, sondern Produkt wirtschaftlicher Vorteilsnahme der Angehörigen der Arbeiterklasse, dergestalt, dass die arbeitenden Massen, wenn die Krise des Kapitalismus sie immer weiter ins Elend stürze, schließlich zu ihrem eigenen Vorteil handeln, wenn sie sich die Produktionsmittel aneigneten. Der gierige, nur auf seinen eigenen Vorteil bedachte Homo oeconomicus, dieser unmoralische, egoistische Mensch, wie ihn der Kapitalismus heranzüchte, werde letztendlich den ihn um das Mehrprodukt, also um seinen Vorteil, betrügenden Kapitalismus überwinden.

Aber tatsächlich ist der Kommunismus dort, wo die bürgerliche Gesellschaft sich durchgesetzt hatte, wo sich Industrialisierung, Urbanisierung und ein großes Industrieproletariat ausgebreitet haben, gescheitert. Trotz starker Gewerkschaften und gut organisierter sozialistischer Parteien in den wirtschaftlich am weitesten entwickelten Staaten gelang es dem Kommunismus dort nicht, die Macht an sich zu reißen und die bestehende soziale und wirtschaftliche Ordnung umzugestalten. Also genau dort, wo der Homo oeconomicus sich am weitesten ausgebreitet hat, hat die Revolution versagt. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass die kommunistische Revolution, entgegen dem eigenen Selbstverständnis, nur in agrarischen Regionen, in aristokratischen Gesellschaften erfolgreich war, während sie überall dort, wo es einen entwickelten Kapitalismus mit einem machtvollen Proletariat gab, unterlegen war. In Zentral- und Westeuropa, in Nordamerika setzte sich in der Arbeiterklasse die Sozialdemokratie durch: Reformierung des Kapitalismus, anstelle eines revolutionären Umsturzes. Und je erfolgreicher diese reformistische Partizipation an der politischen Macht und an den Überschüssen des Kapitals erstritten wurde, je mehr die Arbeiter an Mitbestimmung und Wohlstand teilhatten, je mehr sie in demokratische Entscheidungsfindungen eingebunden und ihre Existenz sozial abgesichert war, desto stärker waren sie korrumpiert, desto weniger waren sie bereit, sich aufzuopfern für die Befreiung ihrer Klasse. Je früher dieser Prozess begonnen hatte, je früher sich in die ständische Gesellschaft kapitalistische, also bürgerliche Strukturen implementiert hatten, desto reformistischer war hier die Arbeiterklasse gesinnt und desto sicherer waren Aristokratie und Bürgertum vor einem kommunistischen Umsturz. Je entwickelter der Kapitalismus war, das heißt, je vollständiger die juristische Gleichheit durchgesetzt war, was notwendigerweise zivilgesellschaftliche Strukturen der Mitbestimmung und der Umverteilung des Mehrprodukts zugunsten der Arbeiter mit sich brachte, desto unwahrscheinlicher war ein Umsturz durch die vermeintliche Arbeiterpartei.

Warum siegte der Kommunismus nicht in den entwickelten Industrienationen? Warum siegte er nicht dort, wo er das vorfand, was er nach der Analyse seiner eigenen Denker, vor allem jener der marxistischen Schule, am dringendsten brauchte: nämlich ein zahlenmäßig großes und gut organisiertes Industrieproletariat? Trotz des relativen Wohlstands dieser Nationen wurden auch die Industriegesellschaften von schweren wirtschaftlichen Krisen heimgesucht. Das System offenbarte seine Schwächen und diese führten auch zu politischen Erschütterungen, aber nicht in der Weise, dass die Arbeiter die Regierung gestürzt und sich die Produktionsmittel angeeignet hätten, so wie es die marxistische Geschichtstheorie eigentlich vorgesehen hätte.

Die Revolution

Wenn die Kommunisten davon ausgehen, dass die Aneignung des Mehrprodukts durch die Arbeiter den Arbeitern den größten Vorteil verschaffe, vergessen sie das, wovon sie fortwährend reden: Nämlich die Revolution. Die Revolution ist eine so blutige Angelegenheit, dass der einzelne Revolutionär wohl kaum darauf wetten kann, dass er mit dem Leben davonkommt. Er selbst droht, inhaftiert oder getötet zu werden, und seiner Familie, seinen Freunden droht Ähnliches. Die Gefahren der Revolution sind so groß, dass keiner der Revolutionäre darauf spekulieren kann, dass für ihn und die, die ihm nahestehen, der zu erwartende Nutzen das zu erwartende Leid übertreffe. Für kommende Generationen mag man es erhoffen und erwarten, aber für diejenige Generation, in deren Lebensspanne die Phase der Revolution fällt, dürfte das Leid überwiegen. Warum auch sollte man sich auf derartige Gefahren einlassen, wenn mit dem sozialdemokratischen Reformismus ein wesentlich bequemerer und friedfertigerer Weg das Gleiche oder zumindest Ähnliches in Aussicht stellte. Es mag länger dauern – schont dafür aber das eigene Leben. Ein nicht zu unterschätzendes Argument im Kosmos des modernen Menschen. Und keiner weiß das besser als die Revolutionäre selbst, die den Prozess der revolutionären Umgestaltung ihr Leben lang studiert haben. Sie wissen, dass es kaum eine Revolution ohne Konterrevolution gibt, dass es keine Aufhebung der Klassengegensätze ohne einen Krieg der Klassen gegeneinander gibt. Und wer trägt bei diesem Prozess, bei diesem Krieg das größte Risiko? Der Revolutionär.

Warum also sollte ein Mensch dieses Risiko eingehen, wenn er primär auf den eigenen Vorteil oder den der ihm Nahestehenden bedacht ist? Nur wer sich und die ihm Nahestehenden konsequent vernachlässigt, ist zu so hohem Einsatz bereit. Wo kriegt man solche Revolutionäre her? Wie müssen solche Menschen beschaffen sein, dass sie ein solches Wagnis eingehen? Es müssten durch und durch opferbereite Charaktere sein. Kein Homo oeconomicus opfert sich, ohne noch in diesem Leben die Ernte dafür einzufahren oder wenigstens die Gewissheit zu haben, dass die eigenen Kinder oder Freunde davon profitieren.

In den nur leicht industrialisierten Agrargesellschaften Russlands und Asiens hingegen war die Individualisierung noch nicht so weit fortgeschritten, dass die eigenen egoistischen Interessen der Menschen alle anderen überlagerten. Zudem war hier die Bourgeoisie noch nicht die politisch dominierende Gruppierung, sondern diese Gesellschaften hatten eine mächtige Aristokratie. Demzufolge waren die Klassengegensätze aufgrund der aristokratischen und großbürgerlichen Akkumulation viel ausgeprägter als in den entwickelten bürgerlichen Gesellschaften. Dort, wo der Kapitalismus sich erst sehr spät durchgesetzt hat, dort, wo die Industrialisierung erst mit Verspätung einsetzte, wo also auch die Industrialisierung unter den politischen Bedingungen einer ständisch geprägten Gesellschaft und Kultur mit der für diese Gesellschaften üblichen Hybris und Verachtung gegenüber den Interessen und Bedürfnissen der Gemeinen durchgesetzt wurde, gestalteten sich die gesellschaftlichen Widersprüche weitaus explosiver.

In diesen Gesellschaften fand der Kommunismus definitiv nicht die wirtschaftlichen Bedingungen vor, die er nach seinem eigenen Selbstverständnis brauchte. Dass er dennoch in diesen Gesellschaften erfolgreich war, dürfte daran liegen, dass er hier die psychologischen Bedingungen vorfand, die er brauchte, um sich massenhaft durchsetzen zu können. Es waren Gesellschaften, in denen der Bürger, der Kleinbürger, der Homo oeconomicus noch in der Minderheit war. Es waren Gesellschaften mit gering ausgeprägtem Individualismus, mit gering ausgeprägtem Rationalismus. Es waren sehr religiöse Gesellschaften – wie bei aristokratischer Herrschaftsform üblich: Es waren vor allem asiatische Gesellschaften. Trotz zahlreicher vielversprechender Ansätze gelang der Sieg der Revolution in Europa nur an der kontinentalen und kulturellen Peripherie, dort wo Industrialisierung, Kapitalisierung und Individualisierung sich noch nicht vollständig durchgesetzt hatten. Erst im Zuge der Nachkriegsordnung drang der Kommunismus als ideologische Annexion gemäß dem imperialen Selbstverständnis der Sowjetunion bis nach Mitteleuropa vor. Ansonsten siegte die Arbeiterrevolution in weitgehend arbeiterfreien Regionen, also in bäuerlichen Agrargesellschaften, in denen die Menschen kollektivistisch und religiös geprägt waren, wie Russland, China, Korea, Vietnam oder Kambodscha. Es waren Gesellschaften mit geringer Alphabetisierungsrate, geringem Bildungsniveau, geringer sozialer Mobilität; Gesellschaften mit allgemein verbindlicher religiöser Orientierung, mit ausgeprägt kollektivistischen Lebensformen.

Hier fiel die Propaganda der zumeist aus der vergleichsweise kleinen Schicht der Bourgeoisie stammenden kommunistischen Agitatoren auf fruchtbaren Boden, hier fanden sich die Menschen, die bereit waren, sich und alles, was ihnen bis dato wichtig war, zu opfern: Hier, unter der religiös geprägten Bauernbevölkerung fanden sich die Menschen, die nicht nur an sich dachten, die Menschen, die es brauchte, um einen bewaffneten Umsturz gegen alle sich auftuenden Widerstände zu Ende zu kämpfen. Die den Mut hatten, der Konterrevolution samt all ihrer mächtigen Verbündeten, die Stirn zu bieten. Die allen Konsequenzen – sei es die militärische Macht des Kapitals, das imperialistische Eingreifen fremder Mächte oder die faschistische Reaktion – trotzten, unter Einsatz und Hingabe ihres Lebens.

Der kommunistische Heldenmut und der Idealismus

Diese Einsatzbereitschaft und diese Hingabe an die Idee haben in der Geschichte bemerkenswerte Spuren hinterlassen. Auch die entschiedensten Gegner des Kommunismus müssen die Zähigkeit und den Mut der Kommunisten anerkennen. Durchhaltevermögen und Opferbereitschaft sind ein Kennzeichen der Kommunisten, das sich in der politischen Auseinandersetzung immer wieder bemerkbar gemacht hat, in den verschiedensten Konstellationen und Ländern. Diese Disziplin, diese Selbstaufgabe sind ein wiederkehrendes Muster, das man es als besonderes Merkmal der Kommunisten verstehen kann.

Sei es der schier aussichtslos wirkende Versuch kleiner Terrorzellen, den Machtkomplex eines Staates mit Anschlägen und Attentaten anzugreifen und die wichtigsten Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft samt des sie schützenden Polizei- und Sicherheitsapparates herauszufordern; sei es die Zähigkeit, mit der die Kommunisten über Jahre die Verfolgung durch politische Gegner erduldeten, selbst wenn diese sie mit Konzentrationslager und Tod bedrohten; sei es der Widerstand kommunistischer Partisanen gegen den grausamen Vernichtungskrieg, den das faschistische Deutschland auf dem Balkan und in der Sowjetunion führte, der jeden Widerstand mit allergrößter Brutalität bestraft hatte; sei es der Krieg des zwergenhaften Vietnams gegen den aberwitzig anmutenden Bombenterror der US-Luftwaffe: Ausgerechnet das, was auch den schärfsten Gegnern des Kommunismus Respekt abverlangt, der kommunistische Heldenmut, entlarvt den idealistischen Kern der materialistischen Theorie. Die schier maßlose Opferbereitschaft, mit der die Kommunisten erbarmungslose Verfolgung und Bekriegung durch ihnen überlegen erscheinende Gegner ertragen und oft genug diese letztendlich auch noch überwinden: ausgerechnet der kommunistische Heldenmut deutet auf einen blinden Fleck im eigenen Selbstverständnis hin.

Es handelte sich hier nicht um einen Kampf, der auf den eigenen Vorteil ausgerichtet war, denn angesichts der Opfer, die dieser Kampf abverlangte, konnte kein Sieg der Welt diese für den einzelnen Kämpfer wieder aufwiegen. Es sei denn, der Sieg würde nicht im Sinne eines materiellen Vorteils begriffen, sondern der Nutzen, den die kommunistischen Kämpfer aus ihrem Sieg davontrugen, würde als ein ideeller verstanden – und als sei es der Glaube an diese Idee und nicht das Trachten nach einer materiellen Verbesserung der eigenen Lage, der diese Opferbereitschaft motivierte. Der Verzicht auf das eigene Glück, der Verzicht auf das eigene Leben, die Zerstörung des gesamten Landes, die Vernichtung der eigenen Bevölkerung wurden in Kauf genommen. Immer wieder trifft man auf dieses Merkmal, das den Kommunisten diese Überlegenheit gegenüber ihren Gegnern verschaffte: Sie gaben lieber ihr Leben, als dass sie ihr Ideal preisgaben. Das Land war im Nachhinein komplett zerstört, die eigene Familie möglicherweise ermordet, alle Freunde tot und der eigene Körper verstümmelt: Für diesen Sieger gab es kein irdisches Paradies mehr. Es konnte nur die Idee dieses irdischen Paradieses sein. Sein unauslöschbarer Glaube an diese Idee ließ ihn das Martyrium ertragen, das die Revolution ihm auferlegte. Der Kommunist opfert (sich) für eine bessere Welt. Genauer: Er opfert (sich) für den Glauben an eine bessere Welt. Was ihn von einem religiösen Fanatiker unterscheidet, ist, dass das Prinzip, das Ideal, für das es die Opfer zu erbringen gilt, nicht Gott ist, sondern der zukünftige historische Verlauf des Menschheitsgeschehens: Es ist Gott in der Gestalt der Geschichte, der diese Kämpfer beseelte. Diese säkularisierte Religion war es, die ihre Anhänger ihr Leben und die Welt geringschätzen ließ. Die Verachtung des Diesseits und all seiner Freuden und Verlockungen wurde ersetzt durch die Verachtung der Gegenwart und all ihrer Reize, ebenso wie das Jenseits durch die Zukunft ersetzt wurde: Die Psyche des Kommunisten ist eine religiöse.

Der Kommunismus als säkularisierte Theokratie

Im Kommunismus dominieren Rituale, die aus religiösen Kontexten hervorgegangen sind. Dieser religiöse Charakter ist für den Kommunismus allgemein verbindlich. Seine Merkmale sind zum Beispiel: Die Kanonisierung bestimmter Schriften, die einer Prophetenverehrung gleichkommende Ikonisierung der Verfasser dieser Schriften, die papale Inszenierung der jeweiligen Diktatoren inklusive ihres permanenten Verehrungs- und Unfehlbarkeitsanspruches, die Allgegenwart bestimmter Symbole, die Reduzierung optischen Prunks auf die ikonisierten Propheten und Symbole als optisch bekundeter Alleinherrschaftsanspruch, die dadurch bedingte optische Uniformität in Architektur oder Kleidung als Ausdruck der allgemeinen Verpflichtung auf ein einziges Ziel, die durch die Uniformität bedingte Erscheinung der Menschen als einer einzigen Sache geweihte Masse, die Umfunktionierung des Instruments der politischen Demonstrationen zum ritualisierten Glaubensbekenntnis, die unabhängig von aktuellen politischen Anlässen regelmäßig vorgenommene Wiederholung derartiger Rituale und ihre Inszenierung als Prozession (wie die Maiparaden oder die Feiern des Sieges über Nazi-Deutschland). Der Versuch, den ästhetischen Genuss so weit als möglich mit der moralischen Ergötzung zu identifizieren, findet sein Vorbild in den Ästhetiken theokratischer Bewegungen. Dort beansprucht die materielle Manifestation des Göttlichen in der Gestalt der geschmückten Altäre, der Ikonen mit den immer gleichen Bildnisinhalten das ästhetische Monopol. Im Kommunismus sind es die politischen Symbole und die Bildnisse der Schriftväter und Diktatoren. Wenn die Inszenierung kommunistischer Macht sich auf solche religiösen Vorbilder bezieht und sie sich solcherart also ästhetisiert, deutet sich der quasireligiöse Charakter der Diktatur des Proletariats an. Es handelt sich um eine säkularisierte Theokratie.

Weil die Kommunisten alles der Machtfrage unterordneten, weil der Schlüssel zur gesellschaftlichen Umgestaltung im Machtzuwachs der kommunistischen Partei gesehen wird, gilt es, alles auszumerzen, was diesen Machtzuwachs bedrohen könnte. Als Erstes gilt es innerparteiliche Opposition und Fraktionsbildung zu überwinden, auf dass angesichts der antikommunistischen Bedrohung die Reihen fest geschlossen sind. So scheint es dem Einzelnen (Intellektuellen) logisch und vernünftig, wenn er die Beschlüsse der Parteiführung nicht mehr hinterfragt, weil alles Hinterfragen dem Klassenfeind nützt. Und so gesteht schließlich auch die Intelligenzija der Partei eine mystische Allmacht zu, die qua Vernunft nicht zu hinterfragen sei. Zwangsläufig kommt es im politischen Tagesgeschäft zu unausbleiblichen Kurswechseln der kommunistischen Partei, aber dennoch erhält sich der Anspruch, auf die gegebenen Fragen immer die richtigen Antworten zu erteilen, selbst wenn diese in direktem Widerspruch zur gestern noch vertretenen Parteilinie stehen. Wenn nun jedem einzelnen Parteimitglied kraft der Prinzipien des demokratischen Zentralismus und der aktiven Mitgliedschaft nicht nur eine Unterordnung, sondern unter Androhung von schließlich lebensbedrohenden Sanktionen auch noch die Einwilligung abgenötigt wurde, dass die gegebenen Antworten die richtigen seien, führte dies schließlich zu einer Unterordnung unter die Parteiführung, die letztendlich das selbstständige Denken zu einem bloßen Abnicken der Beschlüsse der Führungsorgane pervertierte. Indem intelligente Menschen unter Aufbietung all ihrer Klugheit schließlich zu dem Resultat kamen, das Vernünftigste sei es, das Liedchen Die Partei, die hat immer Recht anzustimmen, entmündigten sie sich selbst: Auch wenn sie dafür vernünftige Gründe anführen können, resultiert ihr Verhalten in einem Vernunftverzicht. De facto kommt der Partei dann eine religiöse Bedeutung zu.

Die Maßlosigkeit des Kommunismus

Die Härte, die die Kommunisten gegen sich haben, richtet sich ebenso gegen andere, darunter auch jene, für die sie den Sieg des Kommunismus errungen haben: Der Kommunismus ist ein Moralismus, der um pazifistische Sentimentalitäten bereinigt worden ist: ein Tugendterror. Weil der Moralismus in der marxistischen, also in der intelligentesten und historisch bedeutendsten Lesart des Kommunismus nicht stattfindet, weil er im Kern des modernen Kommunismus nur als blinder Fleck enthalten ist, fehlt die Reflexion und somit auch die Kontrolle über ihn und so kann er sich zu terroristischen Auswüchsen entfalten, ohne dass der Moralismus überhaupt Gegenstand der Reflexion wird. Insofern es sich um einen sich vor sich selbst verbergenden Moralismus handelt, ist dieser einerseits unbewusst und andererseits, gemäß seinem Selbstverständnis, eine wissenschaftliche Anleitung zur Verwirklichung seiner Ziele, also, nach eigener Lesart, durch und durch rational; dementsprechend könne er, um seine Maximen zu verwirklichen, ungeniert Hand anlegen. Dies ist insofern problematisch, als ein Moralismus im Kern niemals rational ist, sondern auf Setzungen beruht, die willkürlich sind und somit in letzter Konsequenz also irrational. Ist dies bewusst, ist die Irrationalität der eigenen moralischen Maximen reflektiert, besteht im politischen Handeln zumindest die Chance, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen, weil die eigenen Maximen als non-rational und somit als unverfügbar verstanden werden. Fehlt solche Demut, kann das eigene Handeln eine Tendenz zur Unfehlbarkeit entwickeln, die die Möglichkeit des Maßlosen in sich trägt.

Maßlos ist der Kommunismus in der Praxis im Gebrauch von Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele. Aber auch diese Ziele selbst sind maßlos: Die bewusste Gestaltung und Steuerung der Wirtschaft und der Geschichte gehen in ihrem Anspruch weit über den bescheidenen Ansatz pragmatischen Krisenmanagements, das die bürgerliche Realpolitik in den meisten Fällen darstellt, hinaus. Für diese Maßlosigkeit gibt es zahlreiche Beispiele in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der die Kommunisten nach ihrem Sieg die Bedingungen, die es für die Arbeiterherrschaft braucht, allererst schaffen müssen: nämlich ein Industrieproletariat. Also bedarf es einer umfassenden Industrialisierung, wobei die Produktivkräfte sich nicht aus dem spontanen individuellen Gewinnstreben entfalten, sondern von oben organisiert und dekretiert werden. Teil dieser Organisation ist die Versorgung der mangelhaft produktiven Industriearbeiterschaft mit Nahrungsmitteln, was auf Kosten der Landbevölkerung geht, die ihre Produkte nicht mit Gewinn verkaufen kann. Die Requirierung der landwirtschaftlichen Produkte und die Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Produktion selbst gehören denn auch zu den unheilvollsten Kapiteln des Kommunismus. Im Anschluss waren diese traditionellen Landwirtschaften und diese rückständigen Ökonomien modernisiert, aber zu welchem Preis? Die Sowjetunion und China haben die rücksichtslose Modernisierung, die der Kommunismus ihnen aufzwang, mit einem irrsinnig anmutenden Verlust an Menschenleben bezahlt. Der Kommunismus hatte in den Ländern, in denen er sich durchsetzte, nicht das Himmelreich auf Erden, sondern de facto die technisierte, industrialisierte, medialisierte Massengesellschaft verwirklicht. Wirtschaftlich und politisch rückständige, agrarische Gesellschaften wurden von den herrschenden Kommunisten in die Moderne gezwungen. In dieser Hinsicht war der Kommunismus erfolgreich, dass er diese beharrenden, rückwärtsgewandten Gesellschaften innerhalb weniger Jahrzehnte rücksichtslos in die Moderne transformierte. Die klassenlose Gesellschaft, die konfliktfreie und friedliche Brüderlichkeit verwirklichte er hingegen nie.

Der Kommunismus als Antithese des Aristokratismus

Die kommunistische Partei maßt sich das Recht an, stellvertretend für die Arbeiterklasse zu herrschen. In diesem Stellvertretertum offenbart sich eine verdächtige Nähe zu dem, was die Revolution überwindet, nämlich die Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Adligen. Der Aristokratismus definiert sich ebenfalls durch das Stellvertretertum: Wenige leben und herrschen auf Kosten der Vielen. Und wenn jene vielen Benachteiligten sich zusammenschließen, um jene Wenigen, die sich an ihrer Stelle das gesellschaftliche Mehrprodukt aneignen, verjagen, dann schimmert dieses Stellvertretertum, auf dem die aristokratische Gesellschaft basiert, in dem Umsturz dieser aristokratischen Kaste immer noch durch. Denn das wirksamste Kampfinstrument, zu dem sich die von Macht und Reichtum Ausgeschlossenen zusammenfanden – die revolutionäre Kaderorganisation, die kommunistische Partei –, beanspruchte für sich wiederum, stellvertretend für die entrechteten und verarmten Massen zu handeln und ließ sich in ihrem Stellvertreteranspruch genau so wenig demokratisch legitimieren wie vormals die Aristokraten. Stattdessen beruft sie sich zu ihrer Berechtigung auf die Geschichte, so wie jene aristokratische Minderheit auf Gott.

Die Bezüge des Kommunismus zur aristokratischen Klassengesellschaft sind in der historischen Empirie dichter als zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. In der fortgeschrittenen Moderne findet der Kommunismus kaum noch statt. Sobald er eine Gesellschaft modernisiert hat, löst er sich auf. Die Bedingungen, die er brauchte, um überzeugte Anhänger zu finden, stellen nur die prämodernen Gesellschaften bereit: Nämlich fixierte Klassen. Im spätkapitalistischen Wohlfahrtsstaat beginnen diese aber, sich aufzulösen und spielen in der Lebenswelt der Menschen und in ihrem individuellen Selbstverständnis eine immer geringere Rolle. Die Kommunisten beziehen sich in ihrer Rhetorik auf eine Gesellschaft, in der die Klassenschranken eindeutig nachweisbar sind – und das ist eben nicht die dynamische, auf juristischer Gleichheit basierende kapitalistische Gesellschaft mit all ihren individuellen Aufstiegsmöglichkeiten, sondern die statische, auf juristischer Ungleichheit basierende aristokratische Gesellschaft, die den sozialen Ort des Individuums qua Herkunft fixiert. Diese von der Aristokratie dominierte ständische Gesellschaft ist die Klassengesellschaft, die eine radikale Antithese hervorruft, wie sie der Kommunismus darstellt. Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, indem sie auf juristischer und politischer Gleichheit basiert, weicht die Klassengegensätze schon viel zu sehr auf, um noch die soziale Sprengkraft für einen entfesselten Klassenkampf, also eine Revolution zu entfalten. Wenn an der Mechanik des dialektischen Geschichtsprozesses irgendetwas dran sein soll, so ist eigentlich nicht einzusehen, warum der Kommunismus die Synthese von Aristokratismus und Kapitalismus sein soll. Vielmehr scheint die bürgerliche Gesellschaft Elemente des aristokratischen Ständestaats und der kommunistischen Klassenlosigkeit in sich zu vereinen und solcherart die Widersprüche aufzuheben.

Tatsächlich verhielt es sich in der historischen Abfolge auch folgendermaßen, dass auf die ständische Gesellschaft die radikale Antithese der kommunistischen Revolution folgte, die den Zustand der größtmöglichen Gleichheit an die Stelle der sich a priori durch Ungleichheit definierenden Aristokratenherrschaft zu setzen versuchte, um dann von der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft beerbt zu werden, die einerseits mit der rechtlichen Gleichheit und andererseits mit der materiellen Ungleichheit Elemente aus beiden Gesellschaften synthetisierte und so ein durchlässiges Schichtensystem schuf, das die rechtliche und materielle Möglichkeit zur Durchmischung der Schichten gewährleistete. In diesem Sinne wäre der Kommunismus als antiaristokratisch und nicht gemäß seinem marxistischen Selbstverständnis als antikapitalistisch zu verstehen. Er verhielt sich als die fundamentale Revolte gegen die ständische Ordnung, die ihrerseits durch die mit der einsetzenden Kapitalisierung beginnende Modernisierung brüchig und angreifbar geworden war. Der Kommunismus war die Negation einer von bürgerlichen Ansprüchen zu spät und zu plötzlich durchsetzten aristokratischen Herrschaft, die nun der totalen Vernichtung anheimgegeben war.

Die Aufhebung der Klassengegensätze wurde durchgesetzt mittels einer Herrschaftsausübung autokratischen Zuschnitts, die in der Willkür ihrer Befugnisse nur mit der Monarchie verglichen werden kann. Die Überwindung der feudalen Systeme durch den Kommunismus manifestierte sich als modifizierte Form des klassischen Gegensatzes von Autokratie und Aristokratie. Und auch wenn die vollständige Vernichtung des Letzteren vollzogen ist, so schlägt der Kommunismus nur allzu leicht in seine Antithese wieder zurück, wenn es dem Diktator gelingt, eine dynastische Erbfolge seiner Herrschaft durchzusetzen, wie in Nordkorea oder Kuba. In dieser sich dann offenbarenden, nach kommunistischem Selbstverständnis zutiefst skandalösen Verwandtschaft von Kommunismus und Adelsherrschaft entlarvt sich die dialektische Identität beider. Dass die Marxisten die Revolte gegen die Aristokratie als antikapitalistisch missverstanden haben, mag man dem Marxismus zum Vorwurf machen. Entstand daraus doch das Verhängnis, in den revolutionierten Agrarnationen eine Industrie und ein Proletariat erst aus dem Boden stampfen zu müssen, was die totale Verfügung über Nahrungsressourcen zur Versorgung dieses entstehenden Proletariats und die damit einhergehende Unterversorgung der ländlichen Bevölkerung mit den bekannten Folgen erforderlich gemacht hat.

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