Psychologische Aspekte des Faschismus
Faschismus als Reaktion auf eine kollektive Verlusterfahrung
Die faschistische Massenbewegung in den 1920er Jahren erfolgt in einer Zeit des Umbruchs. Während und nach dem Ersten Weltkrieg kommt es in zahlreichen Ländern zu einem Machtverlust der aristokratischen Kaste. Weltweit geraten die Monarchien ins Taumeln, der Adel verliert seine Macht, wird teilweise komplett abgeschafft oder sogar physisch eliminiert. Der Vormarsch der Demokratie und des Sozialismus führt nach dem Ersten Weltkrieg innerhalb kürzester Zeit zu einer kompletten Umwälzung der politischen Landschaft, die über Jahrhunderte weltweit Bestand hatte: Aristokratie und Klerus hatten die politische Führung inne, denen sich eine überwiegend rurale, nur mäßig alphabetisierte Bevölkerung weitgehend fügt. Der religiös begründete Herrschaftsanspruch von Adel und Kirche wurde bis auf wenige Ausnahmen von der Bevölkerungsmehrheit akzeptiert, Revolutionen blieben die Ausnahme. Der Adel schränkte die politischen und die Kirche die gedanklichen Freiheiten ein, dennoch tolerierten die Menschen weitgehend widerspruchslos den aristokratisch-klerikalen Machtanspruch. Zwar erodierte die Macht von Klerus und Adelsherrschaft im Zuge der Aufklärung, aber diese Erosion vollzog sich überwiegend bei den gebildeten bürgerlichen Eliten. Mit Ausnahme der wenigen Demokratien wie den Vereinigten Staaten stellte die Bevölkerungsmehrheit in nahezu allen Ländern Adel und Kirche kaum infrage. Aristokratie und Klerus herrschten also einerseits, ohne durch die qua Geburt von der Macht ausgeschlossene Bevölkerungsmehrheit legitimiert oder mandatiert zu sein, andererseits aber auch, ohne durch die von der Macht ausgeschlossene Bevölkerungsmehrheit permanent bedroht zu werden. Dieses aus moderner Sicht erstaunliche Einvernehmen von Herrschern und Beherrschten lässt folgenden Rückschluss zu: Wenn die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft über Jahrhunderte die Herrschaft des Adels und der Kirche und deren religiöse Begründung akzeptiert hat, muss man davon ausgehen, dass sie einen Vorteil aus der Vormachtstellung von Adel und Kirche gezogen hat.
Ganz knapp zusammengefasst sind diese Vorteile psychologischer Natur: Sie liegen in einem Ineinandergreifen von religiösen, politischen und ästhetischen Bedürfnissen. Deren Befriedigung, so die These, haben die Menschen als beglückend empfunden: Da ist zunächst die religiöse Erlösungsgewissheit, die kirchlich verbürgte Jenseitströstung, die die Angst vor dem Tod mindert und die als schlichte Frömmigkeit gefühlt und erlebt wird. Um ihrer Wirksamkeit willen bedarf sie der Gemeinschaftlichkeit; komplett ins Private verdrängt, verliert der Glaube alsbald an Kraft. Lebendige Religion braucht die lebendige Gemeinde, um dem Einzelnen Halt und Trost zu geben. Um dieser Wirksamkeit des Glaubens willen ist er keine reine Privatsache, sondern das Religiöse ist als solches politisch. Die politische Lebendigkeit des Religiösen verbürgt die Adelsherrschaft, die ihren Machtanspruch als von Gott verliehen postuliert und hierin vom Klerus unterstützt wird. Insofern ist aristokratische Herrschaft immer religiös geprägt und befriedigt als solche auch religiöse Bedürfnisse, so korrupt und weltlich der einzelne Adelige auch sein mag. Zur religiösen Erbauung kommt die ästhetische Überwältigung: Die Adelsherrschaft, also auf staatlicher Ebene die Monarchie, definiert sich durch Prachtentfaltung. Die Überführung wirtschaftlicher Ressourcen und politischer Macht in ästhetische Überwältigung ist ursprüngliches Implikat aristokratischer und erst recht monarchischer Herrschaft. Die Könige haben sich wechselseitig in der Prachtentfaltung zu übertrumpfen versucht, ebenso wie die Kirchenfürsten. Die Paläste der Adligen und die Tempel der Kleriker gelten bis heute als die bedeutendsten und prächtigsten Bauwerke der Geschichte und ziehen auch im säkularen demokratischen Zeitalter Millionen von Menschen in ihren Bann. Ästhetische Prachtentfaltung mehrt den Ruhm Gottes und dient dem Geltungsbedürfnis des Königs; insofern ist in der aristokratisch-klerikalen Gesellschaft die Sphäre des Politischen unmittelbar ästhetisiert: Die aristokratisch-kirchlich geprägte Gesellschaft ist schön. So lautet die weitergehende These, dass bei allen rationalen Defiziten, bei aller sozialen Ungerechtigkeit, bei aller Beschneidung der individuellen Freizügigkeit, die Vorherrschaft von Adel und Klerus psychische und ästhetische Bedürfnisse befriedigt.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs stürzt diese Welt ein. Der Beginn der Moderne ist geprägt durch das plötzliche Wegbrechen der Adelsherrschaft und der staatlich garantierten Dominanz der Religion in der Sphäre des Politischen. Dieser Zusammenbruch einer jahrhundertealten politischen Struktur vollzog sich weltweit in allen modernen Ländern. Es ist zu vermuten, dass es die Menschen in jenen Nationen, die sich nicht auf die plötzliche Entästhetisierung und Säkularisierung vorbereiten konnten, härter getroffen hat. Eine sich über Jahrhunderte erstreckende allmähliche Machtverlagerung von der Monarchie auf das Parlament, wie sie in England vollzogen wurde, oder periodisch wiederkehrende revolutionäre Erhebungen wie in Frankreich sind die Ausnahme. In den meisten Ländern brach die Macht von Adel und Kirche nach dem Ersten Weltkrieg gleich einem politisch-religiösen Erdrutsch zusammen. Es ist die These dieses Essays, dass dieser politisch-religiöse Erdrutsch von großen Teilen der Gesellschaft als traumatisch empfunden wurde. Eine psychologische Verlusterfahrung, ein kollektives Trauma, das einer der Gründe für den Aufstieg des Faschismus war. Für dessen Siegeszug gibt es eine Reihe von Gründen; auf der psychologischen Ebene spielt der Verlust von religiöser Emphase und ästhetischer Pracht im Feld des Politischen eine Rolle. Auf diesen Verlust reagieren große Teile der Gesellschaft im Sinne einer nachhaltig traumatisierten Psyche: hochgradig irrational und hochgradig aggressiv. Der historisch-politische Ausdruck dieses kollektiven Irreseins trägt seinen Teil zum Aufstieg des Faschismus bei.
Wir nehmen also an, dass einer der Gründe für den Faschismus in einer psychologisch-politischen Reaktion auf eine kollektive Verlusterfahrung zu suchen ist.
- Der Verlust besteht in der Entauratisierung der Politik: An die Stelle der weihevollen Königswürde tritt die Profanität des Parlaments, in dem Interessen rational verhandelt werden. Dem tritt der Faschismus im Führerkult entgegen.
- Der Verlust besteht in der Beseitigung von Standesdifferenzen durch demokratische und sozialistische Gleichmacherei. Dem tritt der Faschismus durch die nationalistisch und rassistisch begründete Höher- und Minderwertigkeit des Lebens entgegen.
- Der Verlust besteht in der Entästhetisierung der Politik: Prunk- und Prachtentfaltung als politischer Selbstzweck weichen nüchterner Sachpolitik. Dem tritt der Faschismus mit seiner normativen Ästhetik, seinen Architekturprojekten und seinen choreographierten Massenaufmärschen entgegen.
- Der Verlust besteht in der Säkularisierung: Der Siegeszug des Rationalismus macht Religion zur reinen Privatangelegenheit. Demgegenüber gestaltet der Faschismus sich als Irrationalismus.
- Der Siegeszug des Rationalismus, der Säkularisierung und der Individualisierung, kurz: der Siegeszug der Moderne wird als unaufhaltsam geahnt und zugleich aggressiv verdrängt. Aus dieser unbewussten Untergangsahnung entspringen der aggressive Heroismus und der Todeskult des Faschismus.
- Der extreme Irrationalismus und die übermäßige Aggressivität des Faschismus tragen auf der psychologischen Ebene pathologische Züge: ein kollektives Irresein.
1. Der Führerkult als gescheiterter Versuch der Bewahrung des Autoritären und des Ästhetischen in der Politik
Typisch für den Faschismus ist seine immense Betonung des Theatralischen in der Politik. Die Ikonographie dieser Auftritte zeigt zweierlei: Die Überbetonung des Dramatisch-Theatralischen in der politischen Inszenierung faschistischer Herrscher und zugleich das Scheitern dieser Inszenierung: Wo das Königswürdenhafte des Regierens bewahrt werden soll, wo die ästhetische Inszenierung des Herrscherkörpers als sinnlich-bildliche Manifestation der Macht Ausdruck des Politischen bleiben soll, werden diese Körper zu Karikaturen solcher Herrscherphantasien. Das Komische dieser Auftritte wird nur deswegen verwischt, weil es von dem Grauen über die Verbrechen der faschistischen Herrscher überlagert ist. Sieht man von ihren Taten ab und betrachtet nur Gestik und Mimik, hört man nicht auf die Inhalte, sondern lauscht nur auf den Ton der Stimme, dann wirken die faschistischen Diktatoren wie Witzfiguren. Aber dieses Lächerliche, dieses Witzfigurenhafte, ist offensichtlich Teil der so über alle Maßen gründlich choreographierten ästhetischen Inszenierung von Politik. Diese in der Moderne unzeitgemäß wirkende Ästhetisierung des Auftritts des Politikers lässt diesen wie einen schlechten Schauspieler erscheinen, der mit übertriebenen Gesten und schnarrender Stimme Ergriffenheit und Berufung spielen will. In der Übertriebenheit wirkt es schlecht gespielt. Schlecht insofern, als eine Satire ja gar nicht intendiert ist, es aber dennoch so wirkt.
Trotz der Peinlichkeit der Auftritte, trotz der Undurchführbarkeit der politischen Lösungsangebote, gibt es die unleugbare Ergriffenheit der Massen angesichts der Auftritte. Offenbar reflektierte sich in der Theatralik, in dem Verständnis der Politik als Melodrama, ein kollektives Bedürfnis. Und offenbar hat sich dieses Bedürfnis als eine Absage an kluge, an rationale Politik-, Gesellschafts-, Geschichts- und Weltinterpretationen gestaltet. Lieber die unfreiwillige Komik des Möchtegern-Monarchen, als das langweilige Diskutieren der sachlich-nüchternen Polittechnokraten. Die Sphäre des Politischen hat sich nicht kampflos entästhetisieren lassen, hat nicht widerstandslos eingewilligt, nur noch die Ratio, also das Eigeninteresse und dessen kollektive Austarierung gelten zu lassen. Für die Entstehung des Faschismus mag es viele Gründe geben und die jeweiligen nationalen Besonderheiten multiplizieren diese Gründe nochmal um ein Vielfaches. Aber es drängt sich ein Element in den Vordergrund: Nämlich die Installierung eines ästhetischen, also eines prämodernen Politikstils in der Moderne.
2. Die faschistische Behauptung von höher- und minderwertigem Leben als Einspruch gegen Egalität
Die heroische Kampfbereitschaft der Faschisten wird konterkariert durch die gezielte Gewaltausübung gegen Schwächere. Diese findet sich auf allen Ebenen, angefangen bei den alkoholisierten Schlägertrupps, endend bei der Drangsalierung und schließlich nachfolgenden Vernichtung staaten- und wehrloser Volksgruppen. Es will daher so scheinen, als habe die auf allen Ebenen politischen Handelns anzutreffende Erbarmungslosigkeit im Umgang mit echten oder vermeintlichen Feinden den gleichen psychologischen Kern und den gleichen politischen Ausdruckswillen. Dieser zielt offenbar darauf ab, die Unterlegenen zu demütigen oder sogar zu vernichten und sie nicht etwa wegen ihrer Schwäche zu schonen. Die dafür herangezogenen Sündenbockbegründungen sind zwar offensichtlich absurd, geben aber einen entscheidenden Hinweis: Nämlich, dass die Vernichtung dieser Schwächeren gerechtfertigt sei, weil deren Leben als minderwertig angesehen wird. Die Gewaltausübung geht also unmittelbar mit der Annahme von höher- und minderwertigem Leben einher, wobei das minderwertige Leben keine Schonung verdiene.
In der Gewaltausübung gegen Unterlegene beweisen die Faschisten eine besondere Stärke, nämlich Stärke gegenüber der Sentimentalität des Mitleids. Warum diese allen ritterlichen Tugenden zuwiderlaufende Grausamkeit gegenüber Schwächeren? Geht es um die Selbstaufwertung durch die Erniedrigung Schwächerer? Oder findet sich auch hier ein Einspruch gegen die Vernunft, gegen die Rationalität, die in ihrer politischen Wirklichkeit die Gleichheit aller Menschen miteinschließt? Findet sich hier ein Rudiment der Ständeherrschaft, die den Angehörigen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen eine geringere Würde zugesprochen hat als anderen? Zumindest ist diese Gewalttätigkeit ein eruptiver Einspruch gegen den Gedanken der Gleichwertigkeit der Menschen. Nichts wird von der Praxis, gerade von der gewalttätigen Praxis der Faschisten, so vehement bestritten wie der Gedanke der menschlichen Egalität, so proletarisch im Habitus und so sozialistisch in der Rhetorik man sich auch geben mag. Bezeichnenderweise erregt kaum etwas den Hass der Faschisten so sehr wie der Kommunismus, der auf eine vollständige Beseitigung aller sozialen Unterschiede abzielt.
Wenn wir hier davon ausgehen, dass der faschistische Gedanke von höher- und minderwertigem Leben eine modernistisch verbrämte Fortsetzung des aristokratischen Standesdenkens ist, fallen sogleich die Differenzen auf. Die sozialen Unterschiede wurden in der Ständegesellschaft religiös begründet. Nach Verlust der Religion und der religiösen Rechtfertigung von Ungleichwertigkeit gerät diese in eine Legitimationskrise. Die faschistische „Argumentation“ nimmt Zuflucht zu Pseudorationalismen wie der Rassenlehre oder dem Sozialdarwinismus, die im Resultat ein dem prämodernen Ständestaat ähnliches Politik- und Gesellschaftsverständnis produzieren: nämlich die Annahme einer Ungleichwertigkeit der Menschen qua Geburt. Auch wenn die Begründung nun nicht mehr auf der Religion basiert, hat sie mit dieser gemein, dass sie wesentlich „geglaubt“ werden muss, denn beweisbar im Sinne wissenschaftlicher Evidenz oder rationalen Schlussfolgerns ist sie nicht. Die Begründungsmuster einer Ungleichwertigkeit menschlichen Lebens können einer wissenschaftlichen Überprüfung niemals standhalten. Es will der Vernunft nicht beizubringen sein, dass der eine mehr wert sein solle als der andere.
Rassistische Thesen setzen sich in der politischen Auseinandersetzung auch nicht in der Weise durch, dass sie wissenschaftlich bewiesen werden; de facto werden sie in der politischen Praxis denn auch nicht rational begründet, sondern einfach behauptet und – mit Gewalt – durchgesetzt. Die Gewaltbereitschaft ist in der politischen Praxis mit der Ungleichwertigkeitsbehauptung eng verknüpft. Gewalt als Mittel der Durchsetzung von politischen Interessen zu akzeptieren, gesellt sich zu der Behauptung einer Höher- und Minderwertigkeit der Menschen, weil Letztere nur so aufrechterhalten werden kann. Einer politischen Ideologie, die die Ungleichwertigkeitsbehauptung impliziert, muss daran gelegen sein, im politischen Wettbewerb die Gewalt anstelle der argumentativen Auseinandersetzung zu etablieren, denn argumentativ ist die Ungleichheit qua Geburt nicht zu vermitteln und somit allein durch Gewalt haltbar. Desto mehr wird somit Gewalt als Mittel der Politik eingesetzt.
3. Architektur und Massenaufmärsche als Einspruch gegen Modernität und Individualisierung
Das Ästhetische, die Kunst, wird im Faschismus zum Gegenstand des Politischen, womit er sich in die Tradition autokratischer Herrschaft stellt. Während Demokratien Kunst und Künstler weitgehend sich selbst überlassen, bringt der Faschismus sich in die ästhetische Willensbildung der Gesellschaft aktiv ein. Zunächst natürlich durch die Aufträge an Künstler, die die faschistischen Herrscher selbst erteilen und die in ausgeprägtem Maße propagandistischer Natur sind. Die Kunst wird hier unmittelbar zum Diener der Macht. Eine Rolle, die ihrer tradierten Position entspricht, insofern die Kunst im prämodernen Zeitalter auch wesentlich den Interessen von Klerus und Aristokratie diente. Neben der Beauftragung von regierungskonformen Künstlern greifen die Regime darüber hinaus aktiv in die ästhetische Entwicklung von Kunst und Künstlern ein. Nicht etwa nur politisch oppositionelle Künstler, sondern auch solche, die stilistisch der normativen Ästhetik der Machthaber nicht entsprechen, müssen mit Berufsverboten rechnen. Der wesentliche Unterschied zum Vorrecht der Zensur, das aristokratische Herrscher immer schon für sich in Anspruch genommen haben, liegt darin, dass eine stilistische Vorgabe, wie sie in faschistischen Regimen vorkommt, früher nur selten nötig war. Die Künstler des aristokratischen Zeitalters beeilten sich, den potentesten Auftraggebern zu gefallen, also dem Adel und dem Klerus; Adel und Klerus versuchten ihr Renommee zu steigern, indem sie die originellsten Künstler für sich arbeiten ließen, was auch ein gemäßigtes Innovationsstreben im stilistischen Ausdruck zuließ. Kunst und Macht ergänzten sich in ihren Bedürfnissen weitestgehend. Erst in der Moderne tritt die Kunst in eine Phase der Stilradikalität, welche zum einen für propagandistische Zwecke wenig brauchbar ist und zum anderen unmittelbar als Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet wird, zu deren Beendigung der Faschismus überhaupt erst auftritt. Das bedeutet: im Faschismus wird der ästhetische Ausdruck einer Gesellschaft unmittelbar Ziel des Politischen. Hinter dem Anliegen, ein so schwer zu kontrollierendes Feld wie die Kunst, politisch streng zu reglementieren, steht der – de facto aussichtslose – Versuch, die sittlich-kulturelle, das heißt die psychische Entwicklung einer Gesellschaft kontrollieren und beeinflussen zu wollen.
In welcher Beziehung steht der politische Wille des Faschismus zum Bedürfnis nach und zur Empfindung von Schönheit? Dass er sich selbst eine außerordentliche Kompetenz in dieser Hinsicht attestiert, zeigen seine Bauwut, seine normative Ästhetik und die Befassung höchster Staatsrepräsentanten mit ästhetischen Fragen. Kaum dass die Faschisten die Macht errungen haben, machen sie sich an die Realisierung repräsentativer Bauvorhaben. Kennzeichnend ist die Neigung zu Prestigebauten und die Durchsetzung einer weitgehend konservativen Formensprache unter Verwendung moderner Materialien und einer partiellen Anlehnung an moderne Ästhetik. Ziel ist die Durchdringung von Tradition und Moderne, die Verschleifung traditioneller, teilweise antikisierender Formen mit modernen Elementen. Somit hebt sich die faschistische Architektur deutlich ab vom bloß konservativen Historismus, der weder über den Anspruch noch über die Idee verfügt, der Gesellschaft eine neue Formensprache, also einen neuen Stil, zu geben. Der Faschismus hingegen will stilbildend sein, allein um des Wiedererkennungswertes willen. Und er hat eine Idee vom Bauen: Die Bewältigung moderner Herausforderungen – also eine urbanisierte Massengesellschaft mit Wohnraum und Infrastruktur zu versorgen – will er unter demonstrativem Rückgriff auf traditionelle, bisweilen antike Formen in Angriff nehmen. Somit spiegelt sich in der faschistischen Ästhetik die politische Idee des Faschismus: Die Reaktion auf die Veränderungen der Moderne besteht darin, dass der Gesellschaft ein autoritäres, quasi monarchisches Führermodell aufgezwungen wird – und dieser Rückgriff auf monarchischen Autokratismus wird als höchster Ausdruck der Moderne ausgegeben.
Die Bauten sind Ausdruck des totalitären Versuchs, in der Gesellschaft weithin sichtbare und beständige Zeichen der eigenen Herrschaft zu hinterlassen. Indem staatliche Bauvorhaben nicht nur mit politischen Symbolen der herrschenden Partei versehen werden, sondern schon an ihrem Stil dieser Partei erkennbar zuzuordnen sind, durchdringt die Partei auf der sinnlichen Ebene den infrastrukturellen und städtebaulichen Ausdruck einer Gesellschaft. Dahinter steht der totalitäre Anspruch, auf allen Ebenen der Gesellschaft einen ideologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Der Rückgriff auf eine prämoderne, caesaristische Formensprache ist architektonischer Ausdruck eines politischen Rückgriffs auf ein prämodernes und imperiales Politik- und Gesellschaftsverständnis. Die architektonische Repräsentanz ist nicht allein unmittelbarer Ausdruck des Politischen, sie ist auch dessen unmittelbarer Zweck: Die Architektur des Faschismus ist der zu Stein gewordene Versuch einer Aktualisierung des Unzeitgemäßen, ein Versuch, moderne Materialien mit prämoderner Formensprache zu vereinen. Dieser Versuch, die Vergangenheit mit den Mitteln der Moderne zu erhalten, ist ein Widerspruch in sich und von daher zum Scheitern verurteilt, worüber man sich hinwegzutäuschen versucht, indem die Vergangenheit, an die man sich hier klammert, umso nachdrücklicher als die Zukunft, also als die Moderne selbst ausgegeben wird. Die Gigantomanie der nie verwirklichten Entwürfe gibt ein beredtes Beispiel für die Nachdrücklichkeit dieses (Selbst-)Täuschungsversuchs.
Die politischen Aufmärsche der Faschisten gestalten sich als eine ästhetisch stark aufgeladene Selbstinszenierung: Von den Ku-Klux-Klan-Aufmärschen bis zu den Reichsparteitagen der NSDAP. Fackelmärsche, Lichtdome, Massenchoreographien – eine effektvolle Überwältigungsästhetik, die als Botschaft mindestens genauso wichtig ist wie die verbalen Verlautbarungen. Diese inhaltlich widersprüchlichen, sachlich oftmals belanglosen Reden waren mit Superlativen und Pathos aufgeladen. Im Zentrum steht die emotionale Ansprache und nicht argumentative Überzeugungsarbeit. Im Gegensatz zur losen Struktur üblicher Demonstrationszüge, die weitgehend ungeordnet verlaufen, weil die Masse hier nichts anderes ist als eine Ansammlung von Individuen, sind die Aufmärsche der Faschisten choreographiert. Der Eindruck dieser Choreographien ist immer derselbe: Die Masse der Einzelnen formt sich zu einer Einheit, die nach außen ein geordnetes Bild abgibt. Diese Aufmärsche erfüllen ästhetische Ansprüche im Gegensatz zu der losen Unordnung gewöhnlicher Demonstrationszüge. Diese Masse agiert als Einheit, was für das ästhetische Empfinden einen viel stärkeren Eindruck hinterlässt als der zufällig zusammengewürfelte Haufen einer nicht choreographierten Massenansammlung. Diese Ordnung kann nur entstehen, wenn die daran beteiligten Menschen sich ihr unterordnen: Sie ziehen sich einheitlich an, sie marschieren im Gleichschritt, sie rufen die gleichen Parolen. Der ästhetische Eindruck der vereinheitlichten Masse basiert de facto darauf, dass die daran beteiligten Menschen zugunsten der von ihnen geschaffenen Einheit ihre Individualität hintanstellen.
Die Choreographie der vereinheitlichten Masse ist die ästhetische Verkörperung eines politischen Grundanliegens des Faschismus. Das autokratische Modell, das der Faschismus als die höchste politische Aktualität behauptet, läuft der Entwicklung einer sich modernisierenden Gesellschaft zuwider, die einen immer größeren Grad an Autonomie und Freiheit für den Einzelnen verwirklicht. Diesen widerspenstigen Einzelnen, dieses Subjekt, dieses Individuum wieder in die Gemeinschaft einzupressen, ist der ästhetische Sinn von Parteitagsinszenierungen und Massenaufmärschen, in denen die Gemeinschaft als auf einen einzelnen Willen, personifiziert in der Gestalt des Führers, verpflichtet dargestellt wird. Jenseits dessen gibt es kein individuelles Wollen und Denken, keinen freien Willen. Nicht die Individualität des Führers ist das Entscheidende an solchen Auftritten, sondern die Vernichtung aller anderen Individualitäten. Die Masseninszenierungen betreiben die demonstrative Auslöschung des Subjekts, sie sind eine ästhetisch bewirkte Entindividualisierung. Diese Inszenierung bereitwilliger Unter- und Einordnung des Einzelnen in die militärische Einheit, in die Partei, in die Jugendorganisation, in das jubelnde Volk, in den Volkskörper illustriert kraft der ästhetischen Inszenierung einen Gegenentwurf zum Geist der Moderne, also zur Individualisierung. Dieser Gegenentwurf verlangt strengste Autorität. Diese alles beherrschende Autorität ist die Antithese zur typisch modernen Freiheit, zur Selbstbestimmung. Führerkult und Ordnungsfetischismus stellen im Faschismus nicht allein den Versuch dar, Ordnung in einer sich umordnenden Welt durchzusetzen, sondern Sehnsucht nach Autorität, nach Herren. Da, wo diese abhandengekommen sind, wird das, was Autorität im alltäglichen Lebensvollzug erlebbar macht, nämlich Regeln und Hierarchien, fetischisiert, um sich so die Autorität zu erhalten.
4. Faschismus als Einspruch gegen Rationalität
Der Faschismus ist zutiefst von Rationalitätsfeindlichkeit gekennzeichnet. Diese Absehung von der Rationalität kennzeichnet den Konservatismus mal stärker, mal schwächer; für den Faschismus ist diese Absehung aber ein unabdingbares Wesensmerkmal. Wenn man in all der Schwammigkeit der faschistischen Ideologie nach einem Fixpunkt sucht und dabei in all den Widersprüchen des Nationalismus und des Rassismus, des Sozialismus und des Kapitalismus, des Gemeinschaftlichen und des Sozialdarwinismus, des Militarismus und des Aristokratismus, des Fortschrittsglaubens und des Reaktionären, der Technikbegeisterung und des Naturkults, des Atheistischen und des Religiösen, verloren geht und hier keine Widerspruchsfreiheit finden kann, sodass man sich schließlich fragt, was denn der rationale Kern sei, das Nicht-Widersprüchliche dieser Ideologie sei, dann besteht dieser rationale Kern, dieses Nicht-Widersprüchliche offenbar gerade darin, dass es das nicht gibt. Dass eben Widersprüche zugelassen werden, dass es eine anti-rationale Bewegung ist, die – wie es im sie umgebenden, umzingelnden Zeitalter des Rationalismus nicht anders sein kann – zutiefst aggressiv ist.
Von einem Antirationalismus besondere Intelligenz zu erwarten, ist fraglos nicht sehr intelligent. Das schillernd Indifferente in den zur `Theoriebildung´ herangezogenen Bezugsschriften, das frappierend Widersprüchliche in den Zielen und Aussagen seiner politischen Führer, deren unbekümmertes Postulieren von Unbeweisbarkeiten, das sich in seiner Dreistigkeit ganz offenbar von gar keiner richtigstellenden Korrektur bedroht fühlt: All dies beeinträchtigt die zu erzielende Wirkung ebenso wenig wie die Vernachlässigung von Gelehrsamkeit, Intellekt, Klugheit, also von Rationalität, die in den Theoriedefiziten unzweideutig zum Ausdruck gebracht wird. Was hier wie Versagen aussieht und in bestimmter Hinsicht auch welches ist, ist zunächst einmal ein Kernelement des politisch-geschichtlich Gewollten: Die Absage an Vernunft und Rationalismus. Aber andererseits braucht man die Vernunft und die Rationalität, um einen industrialisierten Staat lenken zu können. Folglich mündet diese Absage an die Rationalität in einen Pseudorationalismus, der wissenschaftliche Evidenzanforderungen zutiefst verachtet und sie doch zugleich nicht entbehren kann und darum Anerkennung vor ihnen sucht. So ist der Faschismus offen für jede Form von Paralogik und sei sie noch so peinlich. Dieser Antirationalismus ist immer schon auf seine Antithese bezogen und darum nicht vergleichbar mit Religion. Es ist nicht der Bezug auf das Andere der Vernunft, auf den Glauben, `welcher höher ist als alle Vernunft´, sondern das Beharren auf dem Selbstverständnis, höchster Ausdruck der Vernunft zu sein. In dieser Pseudorationalität liegt die besondere Peinlichkeit faschistischer Klugheitsnachweise.
Von der Unvernunft fühlen sich bildungsferne Menschen angezogen, was ein wesentlicher Grund für den Rekrutierungserfolg der Faschisten bei Arbeitern und Bauern ist. Nicht vernünftelndes Sprechen, nicht das langweilige Argumentieren, sondern bloße Körperkraft reicht zur Erringung hierarchischer Positionen. Die Kasernenhaftigkeit der Umgangsformen, die wechselseitige Übertrumpfung in Grobheiten, das prahlerische Ausschalten von Manieren und Gewissen erzeugt eine Vernichtung von Werten, was zur Durchführung von Kriegen unerlässlich, im Frieden aber unlebbar ist. Auseinandersetzungen werden um ihrer selbst willen gesucht und herbeigeführt, mit dem Ziel, sie durchzustehen, sie auszuhalten, seine Kraft und seinen Mut unter Beweis stellen zu können. Dass die Folgen dieser Auseinandersetzungen für alle Beteiligten, nicht zuletzt die Provokateure, prägend für das gesamte weitere Leben sein können, und derjenige sich hier die höchste Anerkennung verdient, der sie am rücksichtslosesten gegen alle fremden und eigenen Verluste führt, beweist den Triumph des Ehrgefühls über den Vernunftgedanken. Diese Kriegsverrücktheit, die den Mut so demonstrativ wie nur möglich über die Intelligenz stellt, ist ein selbstverliebter Rausch, der keines weiteren Zwecks bedarf. Umso mehr Ehre ist zu gewinnen, je desaströser die Folgen des eigenen gewalttätigen Handelns für den so Handelnden selbst sein können. Je mehr er riskiert, je mehr er wagt, je unvernünftiger er sich gebärdet, desto größer die Anerkennung.
5. Faschismus als heroischer Weltuntergang
Wer auf die Frage nach dem Krieg gegen die Moderne, gegen die Ratio, gegen die Vernunft, eine vernünftige Antwort erwartet, fragt in der Tat nicht vernünftig. Seine Ursache liegt nicht primär darin, dass seine Anhänger sich einen rational nachvollziehbaren Vorteil von ihm erhoffen. Er stellt nur bedingt eine Antwort auf wirtschaftliche Bedürfnisse dar. Dass der Faschismus auch in Zeiten der wirtschaftlichen Krise auftritt, dürfte seine Ursache weniger darin haben, dass die Anhänger des Faschismus sich von diesem eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhoffen, als vielmehr darin, dass das reale System des Rationalismus, der demokratisch organisierte Kapitalismus, in wirtschaftlichen Krisenzeiten Schwächen zeigt und angreifbar wird. Anstelle einer Besserung seiner Situation verspricht sich der von der Krise betroffene Einzelne von einer Hinwendung zum Faschismus eher einen Weg, das Scheitern als heroische Erfahrung erleben zu dürfen. Indem die eigene Situation als ausweglos erlebt wird, indem das Scheitern unabwendbar erscheint, bietet die Empfänglichkeit für den Faschismus die Möglichkeit, das mit dem Unterliegen einhergehende Gefühl des Trotzes mit politischen Ambitionen zu erfüllen. Es ist weniger die Billigkeit der vom Faschismus angebotenen Lösungen, deren Undurchführbarkeit auch der Schlichteste alsbald durchschauen muss, sondern vielmehr die emotionale Ansprache durch die Ideologie: dem Scheitern etwas Heldenhaftes abgewinnen. Das Erleben und Erleiden des sozialen Abstiegs mit Heroismus zu erfüllen, das Niedrige als das Große zu fühlen – das ist das emotional so verlockende Angebot des Faschismus: Wenn schon scheitern, dann im Kampf. Die Frage, welchen Nutzen die Anhänger des Faschismus von diesem haben, geht von einem Missverständnis desselben aus. Der Faschismus gebärdet sich als rasende Antithese zur Rationalität, und man braucht nicht zu vermuten, ihn ausschließlich aus rational ausdeutbaren Motiven, aus Motiven der egoistischen Vorteilsnahme, also aus irgendeinem vorzeigbaren Nutzen, erklären zu können.
Insofern der Faschismus etwas will, was er nicht kann, ist er, gemessen an seinen Zielen, ohnmächtig und hilflos; daher dient ihm die Gewalt auch immer wieder als Mittel, sich und andere von seiner Macht zu überzeugen. Eine Macht, die göttlich sein müsste, will sie doch nichts Geringeres, als die Seelen retten, als den Lauf der Welt aufhalten. Ein wesentlicher Grund, der den Faschismus hervorruft, so die These, ist die Transformation der Psyche in die Gestalt des Individualismus: die Modernisierung der Seele. Deren Eintritt in die Moderne politisch verhindern zu wollen, ist eine maßlose Überschätzung der Möglichkeiten der Politik. Nur wo es diese Überschätzung gibt, kann die Politik sich überhaupt zu einem solchen Unterfangen hinreißen lassen, etwas beeinflussen zu wollen, was ihrem Zugriff weitgehend entzogen ist. Die psychologische Transformation einer Gesellschaft geschieht in einer präpolitischen Sphäre, zu der sich die Ebene der Politik immer erst positionieren kann, wenn die Weichenstellungen bereits vollzogen sind durch die Veränderung ökonomischer, kultureller und sozialpsychologischer Faktoren. Die Tendenz der einzelnen faschistischen Herrscher zum Größenwahn ist ein Hinweis auf die Überschätzung der Möglichkeiten des Politischen, der Möglichkeiten des Politikers. Es liegt in der Natur des Größenwahns, dass Fehleinschätzungen nicht als solche erkannt und somit in die Tat umgesetzt werden. Um die psychologische Metamorphose zu verhindern, wurden beständig erhebende, emotionalisierende Rituale veranstaltet. Durch die beständige Beschwörung des Gefühlslebens soll Politik als psychologisch wirksames Ereignis gestaltet werden. So ereignet sich die Politik als Abfolge von emotionalen Gipfelerlebnissen; sie versucht, sich solcherart als schön, als geradezu berauschend erfahren zu lassen und sie versucht, jedermann an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen. Die möglichst vollständige Durchdringung der Gesellschaft von den faschistischen Totalitarismen ist das Mindeste, was den faschistischen Parteien zu tun übrigbleibt, um die Transformation der Psyche in einen anderen Bewusstseinsstatus zu verhindern. Die faschistische Herrschaft bedarf der beständigen propagandistischen Berieselung ihrer Untertanen, der permanenten Gehirnwäsche, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.
Dieses Hinauszögern wird nur dann als sinnvoll erlebt, nur dann in Angriff genommen, wenn man es nicht als Hinauszögern begreift, sondern als Gestalt des Zukünftigen, was sich einzureden alsbald groteske Züge annimmt. So grotesk, dass die darunter liegende Untergangsahnung sich in ihre Antithese verkehrt immer schon bemerkbar macht. Jener Antagonismus von politischem Wollen und politischem Können darf nicht etwa als Schwäche des Faschismus, sondern muss als ein grundlegender Wesenszug desselben verstanden werden, über den sich der emphatische Heroismus definiert, der die spezifische Auratik, die eigentümliche Attraktivität des Faschismus entfacht. Ein Zeitalter, eine Epoche ist untergegangen und der Faschismus stellt den aussichtslosen Versuch dar, das, was strukturell unverträglich ist mit der Moderne, in diese hinüberzuretten. Nach dem Ersten Weltkrieg war es der Versuch, religiös inspirierte Ritterherrschaft, also aristokratische Machtausübung, unter den Bedingungen enormen Bevölkerungswachstums, industrieller Massenproduktion, allgemeinen Bildungszuwachses und medialer Vergesellschaftung aufrechtzuerhalten und vor sich und der Welt auch noch als zeitgemäßen Ausdruck von Modernität auszugeben. Die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens mag wohl eine wesentliche Ursache für den charakteristischen Irrsinn faschistischer Herrschaft sein. Es ist nichts Geringeres als der Versuch, den Gang der Geschichte, den Lauf der Welt aufzuhalten. Damit ist der Faschismus von Anfang an sein vorweggenommenes Scheitern. Dies ist ihm zutiefst immanent; als politisches Ereignis ist er der lebendige Ausdruck einer Todesahnung. Indem er sich ereignet, geriert er sich als trotziges Beharren eines verlorenen Herrschafts- und Politikverständnisses, ahnt aber immer schon die Unausweichlichkeit des Untergangs. Nicht dass die Faschisten dies reflektierten. Würden sie reflektieren, würden sie die Unabwendbarkeit des Untergangs nicht nur fühlen, sondern einsehen, verstehen, begreifen und mithin ablassen von ihrem ekstatischen Beharren auf dem unrettbar Verlorenen.
Ein sichtbares Indiz seiner Untergangsahnung ist der dem Faschismus eigene Todeskult. Die Fetischisierung von Krieg und Gewalt, die zur Schau gestellte Todesverliebtheit der faschistischen Elitetruppen geben einen Hinweis auf die Untergangsahnung. Der (Über-)Mut der faschistischen Krieger, sich mit einem zahlenmäßig überlegenen Gegner anzulegen, nimmt einerseits die Niederlage vorweg, ist aber andererseits aufgrund des faktischen Heroismus zentrales Attraktivitätsmerkmal des Faschismus. Das im innersten Kern des Faschismus, im Herzen seines Kampfes, Anziehendste ist auch nie der Wille zum Bewahren des in seiner Beständigkeit Bedrohten; es ist der Wille zum Untergang mit dem Unbeständigen. Hinter der Verherrlichung des Krieges und der Bereitschaft zum Kampf steht die Todessehnsucht. Die Kamikaze-Taktik, der heldenhafte Märtyrertod, den einzelne faschistische Kämpfer wählen, ist somit ein Sinnbild für die gesamte Bewegung.
Gerade wegen der Aussichtslosigkeit, wegen der Ahnung des Unterganges dieser von Gott und Fürst über die Jahrhunderte geprägten Welt ist die Vernichtungsbereitschaft so unermesslich gewesen. Hier kämpfte von Anfang an jemand, der nichts zu verlieren hatte, weil es für ihn nichts mehr zu gewinnen gab. Nicht die von den Faschisten geführten Kriege und die Niederlagen haben Gott und den Fürsten vernichtet, auch im Frieden wäre ihr Untergang sicher gewesen. Die Windmühlen, gegen die der prämodern-ästhetizistische Irrsinn ankämpfte, waren nur vordergründig die Armeen demokratischer, also mit den Anforderungen der Moderne in Einklang stehender Nationen gewesen; hintergründig war es die Moderne selbst. Dem Faschismus wohnt ein weltvernichtendes Element inne, insofern der einzige Weg zur Verhinderung der Modernisierung der Welt deren Zerstörung ist. Warum also nicht die eigene Vernichtung in Kauf nehmen, wenn ein Leben in der Welt der Sieger ohnehin die vollständige Vernichtung dessen zur Folge hat, zu dessen Bewahrung man in den Kampf gezogen ist? Die mentale Verfassung, wie sie in der alten Gesellschaft, in der ständischen Gemeinschaft geherrscht hat, jene psychische Disposition, die für die überkommene aristokratisch dominierte Gesellschaft prägend gewesen war, steht so oder so vor der Selbstaufgabe: Das, was hier kämpfte, war die kollektive psychische Verfassung einer ständisch geprägten Kultur. Das, was hier kämpfte, war die vormoderne Seele.
6. Faschismus als Massenpsychose
Diese Argumentation schließt die Behauptung der Existenz einer Kollektivseele, oder, in der Diktion des Deutschen Idealismus, eines Weltgeistes ein. Und darüber hinaus die Annahme, dass dieser erkranken könne, sich neurotisch, psychotisch gar entwickeln könne. Empirisch beweisbar ist diese Annahme niemals. Vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet erscheint sie unwissenschaftlich: Es gibt keine sicheren Belege für das Vorkommen psychischer Epidemien; erst recht gibt es kein sinnvoll anwendbares wissenschaftliches Instrumentarium, politische Gesinnungen als Ausdruck einer psychischen Erkrankung zu identifizieren. Dementsprechend ist diese Argumentation auch in der politischen Auseinandersetzung unfruchtbar: Eine den eigenen Ansichten zuwider laufende politische Gesinnung als Ausdruck einer kollektiven psychischen Erkrankung zu brandmarken, ohne dafür wissenschaftliche Belege anführen zu können, führt nur dazu, dass die so Gescholtenen sich des gleichen Arguments bedienen, sich dann also beide Seiten Verrücktheit vorwerfen.
Diese These ist also weder medizinisch noch politisch operationalisierbar. Gleichwohl ist sie verlockend, weil sie vieles im Verhalten der Anhänger des Faschismus verständlich macht: Den Irrationalismus, also die Bereitschaft, den größten Unsinn zu glauben; die Paranoia, das Gefühl, Opfer einer Verschwörung zu sein; die Streitsucht, also die Diskursstrategie, inhaltliche Auseinandersetzungen über die Stichhaltigkeit von Argumenten zu verhindern, indem jegliche Diskussion in einen Streit überführt wird, in dem dann Anfeindungen und Beleidigungen, anstelle von Argumenten und deren Hinterfragung dominieren; den Hang zu selbstschädigendem Verhalten; die Projektion, also die Unterstellung einer böswilligen Absicht beim politischen Gegner, während man selbst von eben einer solchen Absicht angetrieben wird; die Hysterie, also das ständige Verlangen nach einer Auseinandersetzung, anstatt gegenteilige Ansichten einfach auf sich beruhen zu lassen; die Aggression, also die Gewaltbereitschaft; die Empathielosigkeit, also die Unfähigkeit, gegenüber den politischen Gegnern Mitleid und Erbarmen zu empfinden.
Genau diese Verhaltensmerkmale finden sich bei schwereren psychischen Erkrankungen wieder. Die betroffenen Individuen werden zu einer Belastung für die Umwelt und teilweise sogar zu einer Gefahr für sich und andere. Auf der Individualebene ist auch der Bezug von Traumatisierung und psychischer Erkrankung gang und gäbe. Diesen Bezug auf das Kollektive zu übertragen, ist eine Deutung, mehr auch nicht. Lässt man sich auf sie ein und überträgt psychologische Muster in den Bereich des Politisch-Historischen, bewegt man sich im Bereich jenseits empirischer Evidenz. Der Vorteil eines solchen Deutungsmodells ist die Erklärung des so offensichtlich unsinnigen und sich selbst schädigenden Verhaltens der Anhänger des Faschismus. Lässt man sich auf das Konzept einer Kollektivseele und auf die Idee einer Erkrankung derselben ein, dann hat man ein Begründungsmuster für kollektiv um sich greifende Paranoia und Aggression.
Die These läuft darauf hinaus, dass der Weltgeist, die Kollektivseele, leiden kann, wenn die Welt sich verändert. Unwillig, sich an die veränderte Welt anzupassen, und zugleich unfähig, die Veränderung der Welt abzuwenden, steigert sich das Leiden der Kollektivseele zu einer seelischen Erkrankung. Ein Symptom der Schwere dieses Leidens ist die fehlende Krankheitseinsicht; sie sieht den Grund ihrer Krise nicht in sich selbst, sondern, in gewisser Weise auch zutreffend, in einer sie bedrängenden Umwelt. Wenn in der Unfähigkeit, die tatsächlichen Ursachen zu beheben, und in dem Unwillen, sich der verändernden Umwelt anzupassen, vermeintliche Ursachen bekämpft werden, erhält dieses Muster, das Problem nicht in sich selbst, sondern in der Umwelt zu sehen, eine paranoide Dimension, die ein Merkmal des psychotischen Charakters des Faschismus ausmacht. Ein weiteres Merkmal ist die außerordentliche Aggressivität. Gewalt zu praktizieren, anderen Leid zuzufügen, wird unmittelbar als Ausdruck des politischen Wollens empfunden. Die Aggressivität paart sich mit einer emotionalen Verhärtung oder Abspaltung, die jede Empathie, jedes Mitfühlen mit anderen verhindert. Eine Unfähigkeit zum Mitleid, was die Verletzung moralischer Maßstäbe beinahe zwangsläufig zur Folge hat und eine Disposition zum Verbrechen darstellt. Und diese Disposition zum Verbrechen ist wesentliches Merkmal faschistischer Politik.