Patriotismus als psychologische Tatsache

In Deutschland herrschte jahrelang Streit über den Umgang mit nationalen Symbolen. Wo die Konservativen die Hymne zu singen und die Flagge zu hissen wünschten `wie alle anderen Völker auch´, hielt ihnen die Linke entgegen, die Deutschen seien nun mal kein Volk wie `alle anderen auch´. Ein demonstratives Bekenntnis zu Deutschland schließe nun mal ein Bekenntnis zu den jüngeren Kapiteln der deutschen Geschichte ein. Deswegen sei immer nur ein selektives, ein gebrochenes Bekenntnis möglich. Beim Umgang mit Symbolen, die sich meist nicht im Bereich des Rational-Diskursiven, sondern des Ästhetisch-Allusiven bewegen, sei dieses gebrochene Verhältnis zur eigenen Geschichte, dieses bloß selektive Bekenntnis zur Nation kaum zu vermitteln. Deswegen solle man es besser ganz bleiben lassen. Wer kann denn schon unterscheiden, ob die Nationalhymne bei denen, die sie singen, erhebende Gedanken an den Vormärz oder an den Blitzkrieg hervorrufen?

In der Tat ist das Lieblingsprojekt der Konservativen – der Versuch, Deutschland ohne Scham, d.h. ohne Auschwitz, zu denken und zu empfinden – naiv. Dass Deutschland nicht nur zwischen 1933 und 1945 bestanden habe und dass man als aufrichtiger Demokrat ohnehin der Gesinnungsidentifikation mit den Tätern entzogen sei, heißt noch lange nicht, deswegen der Scham entgehen zu können. Als nichtjüdischer Deutscher sitzt man in einem Boot mit den Nazimördern, obgleich man niemals für sie Partei ergriffen haben mag. Es ist weniger ein politisches als ein psychologisches Verhängnis, in das man sich aufgrund der Nationalität verstrickt sieht. Wegen der Logik des Gewissens hat man als Deutscher Teil an der Schuld der Kriegsgeneration, auch wenn man zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht einmal geboren war. Diese Logik ist in der Tat keine mathematische, sondern eine emotionale, aber dennoch unhintergehbar. Es ist nicht möglich, sich mit Deutschland zu identifizieren, ohne sich für die in seinem Namen begangenen Gräuel zu schämen. Man mag unwillkürlich Stolz empfinden in Bezug auf die Genialität eines Albert Einstein, eines Thomas Mann oder eines Fritz Walter, obgleich man weder Physiker noch Schriftsteller noch aktiver Fußballer, ja nicht einmal Zeitgenosse der Genannten ist. Das Einzige, was einen mit ihnen verbinden mag und die erhebenden Gefühle rechtfertigt, ist die gleiche Nationalität. Aber das, was den Deutschen mit Walter und Beckenbauer verbindet, verbindet ihn auch mit Goebbels und Himmler.

Es ist unmöglich, dieser Verwandtschaft zu entgehen. Sie entspringt keinem intellektuellen Verhalten, sondern einer emotionalen Empfindung: Was dort Stolz verursacht, führt hier zur Scham. Es spielt dabei keine Rolle, ob die davon Betroffenen sich dazu bekennen oder, wie zumeist, die Scham zu verdrängen suchen. Das Schicksal, nicht verantwortlich zu sein, sich aber dennoch schuldig zu fühlen, nie ein Verbrechen begangen zu haben, sich aber dennoch dafür schämen zu müssen, bleibt ein Vermächtnis von Auschwitz. Man mag sich von den Motiven der Täter noch so weit distanzieren, die Schuldgefühle aktualisieren sich immer wieder aufs Neue durch die schlichte Identifikation mit der Nationalität. Der Ruhm einer Nation, der die Angehörigen derselben durch das Gefühl des Stolzes unwillkürlich ergreift und sie auf angenehme Weise erhebt, ist gleichursprünglich an das Gefühl der Schande gekoppelt, das man sich gerne ersparen würde.

Sich dieser Schande zu stellen, war für die Konservativen eher Pflicht denn Herzensangelegenheit. Ganz anders bei der Linken. Vor allen anderen Übeln in der Welt und der Geschichte widmete man sich mit Vorliebe den Untaten der eigenen Nation. Der Nationalsozialismus, die wilhelminischen Kolonialtruppen oder der preußische Militarismus werden mit größerem Furor gegeißelt als der türkische Völkermord an den Armeniern oder die Vernichtung der nordamerikanischen Indianer durch die Vereinigten Staaten. Dass deutsche Verbrechen in Deutschland ein höheres Erregungspotenzial besitzen, liegt eben daran, dass sie von Landsleuten begangen wurden. Ein Indiz, dass das Entsetzen über die Verbrechen des eigenen Landes der Identifikation mit diesem eigenen Land entspringt. Wenn die Scham für die Verbrechen der schlichten Tatsache der gleichen Nationalität mit den Tätern entspringt, dann sind auch jene nicht frei davon, die auf die Identifikation mit der Nation eigentlich gar keinen Wert legen. Man mag sein politisches Engagement mit dem Klassenstandpunkt oder der generellen Solidarität mit den Unterdrückten begründen und gegen alle Anflüge von patriotischem Überschwang immun sein, die besudelte Nationalität wird man nicht los.

Aber ist das denn das Ziel dieser Lossagung vom Nationalen? Ist die Ablehnung alles Deutschen wirklich der – ohnehin aussichtslose Versuch –, die Schande abzuschütteln? Oder ist es gewissermaßen eine kritische Würdigung Deutschlands? Tatsächlich bot in beiden deutschen Staaten die Sezierung der Schattenseiten des deutschen Charakters lange Zeit einen der fruchtbarsten Stoffe für die Kulturproduktion der Nachkriegszeit. Die Abscheu der Linken vor den deutschen Verbrechen, der Hass der Antinationalen auf alle Arten der Deutschtümelei zeigen, dass ihnen die Herkunftsnation denn doch alles andere als egal ist. Durch ihre intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Deutschen hat die politische Linke nicht nur ihren Antifaschismus, sondern auch ihr leidenschaftliches Interesse für ihr Land bewiesen.

Diese sich gewissermaßen negativ manifestierende Zuwendung zur eigenen Nation deutet an, dass die Identifikation mit dem eigenen Land und dem eigenen Volk, weniger ein politisches Verhalten als ein psychologisches Faktum ist. Mag man Worte wie Land, Volk oder Vaterland auch für Konstruktionen, für bloße (Propaganda-)Begriffe halten, denen keine Wirklichkeit entspricht – die emotionale Verflechtung mit dem, was diese Begriffe vorgeben zu benennen, ist unleugbar. Bürger einer Nation zu sein, gemeinsam mit vielen Menschen in einem Land zu leben und eine Sprache zu sprechen, lässt einen offenbar nicht unberührt. Zu diesem Land, zu diesem Volk entwickeln sich intensive Gefühle, seien es Empfindungen der Liebe oder des Hasses. Nur Gleichgültigkeit in allen Lebenslagen gegenüber Land und Volk ist schwer durchzuhalten.

Nirgendwo ist die Scham so groß wie in Deutschland, aber sie ist auch in anderen Ländern vorhanden. Was also in Deutschland in ausgeprägter Form nachweisbar ist, gilt in abgeschwächter Weise auch für andere Nationen. Die Pole von rechts und links gehorchen auch in anderen Ländern den gleichen Reflexen: Hier der nationale Überschwang bei gleichzeitiger Verdrängung der Schattenseiten der eigenen Geschichte, dort die ausgeprägte Selbstkritik. D.h. hier wie dort ein emotionales Verhältnis zur eigenen Nation. Weite Teile der politischen Linken würden dieses emotionale Verhältnis zur eigenen Nationalität leugnen, sondern sich selbst absolute Gleichgültigkeit hinsichtlich der eigenen Herkunft attestieren. Doch hier fällt das schon angesprochene gesteigerte Kritikbedürfnis an der eigenen Nation auf. Und allein schon in der ausgeprägten Kritik des jeweils eigenen Landes zeigt sich die emotionale Verstrickung mit eben diesem Land.

Dem mag man entgegenhalten, dass Kritik an anderen Ländern durchaus empfunden, aber nicht lauthals geäußert werde, weil diese herablassend wirke, weswegen die politische Linke davon absehe, weil sie eben nicht in die Chauvinismus-Falle tappen wolle. Als Ausländer stehe einem Kritik nun mal nicht zu, darum beschränke man sich lieber darauf, die Untaten der eigenen Nation zu geißeln, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Diese Argumentation ist nicht einmal falsch, aber sie widerlegt die These von der Identifikation mit der eigenen Nationalität nicht etwa, sondern bestätigt sie. Sich der Kritik ausländischer Verbrechen schamhaft zu enthalten, bei der eigenen Nation aber ungeniert anzuklagen, resultiert eben daraus, dass man sich selbst bei dieser Anklage nicht ausnimmt, sondern dass es letztendlich auf eine Selbstbezichtigung hinausläuft, der eben eine Identifikation mit der Nation zugrunde liegt.

Dass man also überhaupt bei der Kritik anderer Länder und Völker Scham und Scheu empfindet, wovon man hinsichtlich der eigenen Nation vollkommen frei ist, zeigt an, dass es sich hier um ein emotional basiertes Verhalten handelt und nicht etwa um das Ergebnis einer rationalen politischen Analyse. Und genau darum geht es: Das Verhältnis zur Nation, im Besonderen zur eigenen Nation, ist – auch bei Linken – nicht emotionslos, sondern gefühlsgesteuert. Dieses Gefühl ist nichts Anderes als Heimatgefühl, auch wenn es sich in schonungsloser Kritik oder Anklage der eigenen Nation und Geschichte äußern mag: Es ist die emotionale Sicherheit desjenigen, der sich hier zuhause fühlt. Und diese Emotion, dieses Sich-hier-zuhause-fühlen geht jeglicher rationalen Analyse und jedem bewussten politischen Votum voraus. Insofern ist das emotionale Verhalten zur eigenen Herkunft, das mehr gefühlt als gewusst wird, eine psychologische Realität, die ursprünglicher ist als jede politische Wahl.

Dieses Gefühl ist ursprünglicher als jede bewusste politische Parteinahme, tatsächlich bildet es faktisch das Fundament jeglicher Parteinahme in Fragen die Nationalität betreffend. Dass das Phänomen „Patriotismus“ gemeinhin im Sinne einer bewussten Parteinahme und nicht als unbewusste Gefühlsregung verstanden wird, liegt zum einen an der gezielten Vereinnahmung durch die politische Rechte, welche Patriotismus für sich als Gesinnung reklamiert. Zum anderen liegt es an der Verteufelung durch die Linke, die im Patriotismus die Wurzel der Aggression gegenüber anderen Nationalitäten verortet. Durch die politisch motivierte Beanspruchung der einen Seite und die gleichfalls politisch motivierte Ablehnung der anderen Seite ist die Politisierung dieser eigentlich präpolitischen Emotion unausweichlich.

Tatsächlich wird die Politisierung dieser Empfindung dem Phänomen nicht gerecht. Andernfalls könnte man sich vollends von der nationalen Identifikation freimachen. Dass das eben nicht gelingt, wird nirgendwo deutlicher als in Deutschland, wo der Versuch der Nicht-Identifikation mit der Nation am nachdrücklichsten durchgeführt wurde. Das Ergebnis dieses jahrzehntelangen Versuchs weist in eine andere Richtung: Wenn es naiv ist, sich mit Deutschland identifizieren zu wollen, ohne auch die Scham zuzulassen, dann ist es ebenso naiv, sich über die Ursachen dieser Scham hinwegzutäuschen: Deren Wurzeln liegen in der Identifikation mit der Nation. Und die Identifikation mit der Nation ist das, was man gemeinhin Patriotismus nennt. In dieser Scham hat sich der deutsche Patriotismus jahrzehntelang ausgelebt und sich, derart abgekapselt, selbst verleugnet. Für die politische und psychische Genesung des Landes nach der Katastrophe des Nationalsozialismus war dies sogar zuträglich. Denn angesichts der Maßlosigkeit deutscher Schuld scheint die Selbstbezichtigung auch der angemessenste Weg zur moralischen Läuterung der Nation zu sein. Ironisch zugespitzt: In diesem Sinne war die Geißelung des Deutschtums durch die Linke ein, gleichwohl unreflektierter, patriotischer Dienst am Vaterland.

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