Der Welt-Untergang: Psychologische Anmerkungen zu islamistischen Attentaten
Fast jeder Anschlag der Islamisten stellt den Beobachter vor ein Rätsel. Wie soll er diese Gewalt einordnen? Diese Art Terrorismus passt nicht ins gewohnte Raster. Die zahlreichen linksterroristischen Anschläge der siebziger und achtziger Jahre, die ebenfalls häufig von Arabern verübt wurden, richteten sich gegen strategische Ziele: Militärische Einrichtungen, Entscheidungsträger oder politische Symbole, wobei unbeteiligte Opfer allenfalls als Kollateralschäden in Kauf genommen wurden, aber nicht eigentliches Ziel des Anschlags waren.
Die Terrorakte der Islamisten hingegen sind blutige Fanale, das Töten ist hier selbstzweckhaft, die Attentäter sind wie im Blutrausch. Sie töten gewöhnliche Passanten, Frauen, Kinder. Je mehr sie töten, umso zufriedener sind sie. Je höher die Opferzahl, also je mehr unbeteiligte, zufällig getroffene Menschen bei den Anschlägen ihr Leben lassen, desto besser. Hat man nur wenige in die Finger bekommen, dann tötet man diese besonders blutig. Immer wieder nutzen islamistische Terroristen Messer bei ihren Überfällen. Bereits während des algerischen Bürgerkriegs in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts schnitten die Islamisten ihren Opfern bevorzugt die Kehle durch. Anstatt ihre Feinde einfach zu erschießen, anstatt ihre politischen und militärischen Kontrahenten „nüchtern“ auszuschalten, veranstalteten sie eine Demonstration der Barbarei. Dieser Blutrausch dokumentierte sich auch in den schockierenden Videos aus dem Herrschaftsbereich des Islamischen Staates, die vor einigen Jahren durch das Internet geisterten: Vor laufender Kamera schneiden sie ihren wehrlosen Gefangenen den Hals durch und legen die abgetrennten Köpfe auf die leblosen Körper ihrer Opfer. Der Gegner wird nicht einfach eliminiert, sondern das Töten selbst wird zelebriert.
Warum diese übertriebene Grausamkeit? In der Kriminalpsychologie gibt es den Begriff des `Overkill´. Wenn die Ermittler an den Tatort kommen und das Todesopfer mehr Gewalteinwirkung aufweist als zur einfachen Tötung gereicht hätte, gehen die Kriminalisten davon aus, dass hier dem Gewaltverbrechen aller Wahrscheinlichkeit nach ein psychologisches, manchmal ein krankhaftes Motiv zugrunde liegt oder dass es sich um eine Botschaft handelt. Sind derartige Morde dem organisierten Verbrechen zuzuordnen, haben sie zumeist den Zweck einer Warnung an die Lebenden, sich bestimmter Dinge zu enthalten, wenn es ihnen nicht so ergehen soll, wie dem Opfer. So oder so: Bei einem solchen Mord war das Töten kein Mittel zum Zweck, sei es, um sich das Geld des Opfers anzueignen, hier war die Gewalttat an sich für den Täter erstrebenswert. Entfällt ein Bezug zum organisierten Verbrechen, fangen die Fahnder dann üblicherweise an, im Kreise der Familie zu ermitteln. Wer so tötet, steht zumeist in einer affektiven Beziehung zum Opfer.
Dieser Blutrausch unterscheidet sich auch von Gräueltaten einer marodierenden Soldateska, wie es sie in Kriegen immer wieder gibt. Es handelt sich nicht einfach um eine unbeabsichtigte Überreaktion. Üblicherweise neigen Gewalttäter in politischen Auseinandersetzungen dazu, ihre Exzesse zu verheimlichen, weil sie fürchten, diese könnten abstoßend wirken. So hat die US-amerikanische Regierung das Massaker von My Lai vertuschen wollen und die Sowjetunion hat einen Mantel des Schweigens über den grausamen Alltag des Gulags gebreitet. Die Islamisten hingegen verfahren genau umgekehrt. Sie betreiben eine Propaganda des Schreckens. Sie werben mit der Ästhetik des Grauens. Die Blutrünstigkeit wirkt offenbar anziehend auf die Anhänger des Islamismus. Radikale Muslime schreckt übertriebene Grausamkeit zur Durchsetzung politisch-religiöser Ziele nicht etwa ab, im Gegenteil – es zieht sie an.
Diese spezifische Erbarmungslosigkeit ist keineswegs mit Feigheit zu verwechseln. Wie die enorme Zahl an sogenannten Märtyrern belegt, ist der kriegerische Freitod Teil sowohl des militärischen als auch des propagandistischen Kalküls. Der (eigene) Tod ist hier nicht etwa äußerste Konsequenz einer gewalttätigen Auseinandersetzung, sondern von vornherein als Ziel und Ergebnis in die militärische Taktik miteinbezogen. Der Tod – sowohl in der begleitenden Ideologie der Jenseitsgewissheit, der paradiesischen Verheißung, als auch in der blutigen Praxis – wird an sich erstrebenswert.
Wahlloses Töten einer möglichst großen Anzahl von Menschen, die Bejahung einer Ästhetik des Grauens, der heroische Freitod: Sowohl in der Attentatspraxis islamistischer Terroristen wie auch in der Herrschafts- und Gewaltausübung des Islamischen Staates offenbaren sich Parallelen zum Faschismus und dem ihm eigentümlichen Todeskult. Ebenso wie sich eine Ähnlichkeit zwischen dem Märtyrerkult der Islamisten und der Kamikazepraxis der Deutschen und Japaner während des Zweiten Weltkriegs feststellen lässt. Und: Es lassen sich jenseits der Gewaltpraxis leicht weitere Parallelen finden. Der für den Faschismus eigentümliche Größenwahn findet seine Analogie in der trotzigen Behauptung einer bevorstehenden islamischen Weltherrschaft, wie sie in dem Sieben-Stufen-Plan von al-Qaida und vom Islamischen Staat allen Ernstes formuliert wurde. Ein Blick auf die Weltkarte hätte ausgereicht, um zu sehen, dass Deutschland und Japan den Krieg niemals gewinnen können. Dennoch glaubten unter dem Einfluss des Faschismus Millionen Menschen an den Endsieg, so wie die radikalen Muslime an die zukünftige Weltherrschaft des Islam glauben, obwohl faktisch die islamischen Nationen zu den wissenschaftlich, ökonomisch und militärisch rückständigsten Staaten der gesamten Welt gehören.
Eine weitere Übereinstimmung findet sich in der Unzeitgemäßheit der angebotenen politischen Lösung. Der faschistische Versuch, eine antirationale Herrschaft in einer verwissenschaftlichten modernen Gesellschaft durchzusetzen, ist ein offensichtlicher Antagonismus. Ein antirationales, in letzter Konsequenz also auch wissenschaftsfeindliches System wie der Faschismus wird mit den Anforderungen einer modernen Wissensgesellschaft immer wieder in einen unauflösbaren Konflikt geraten. Ein politisches System, das quasi monarchische Allgewalt in der Hand eines Einzelnen (und damit einhergehend die Entrechtung aller übrigen Individuen) etabliert und dieses mit irrationalen, nicht beweisbaren Thesen begründet, mag sich im Mittelalter über Jahrhunderte bewahren. Aber in einer alphabetisierten Wissensgesellschaft hat es ein solches System schwer und kann sich nur durch permanente Gewaltanwendung selbst erhalten. Gleiches gilt für die Errichtung eines religiösen Kalifats in einer zunehmend industrialisierten und medialisierten Gesellschaft, in der jeder ein Handy hat und alle das Internet nutzen. Die Unzeitgemäßheit ist auf den ersten Blick ersichtlich. Dennoch geben die Anhänger des Kalifats dieses als den höchsten Ausdruck von Modernität aus.
Es hat den Anschein, als befänden sich die islamischen Gemeinschaften in einer ähnlichen Phase wie die europäischen und die entwickelten asiatischen Gesellschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesichts des Heraufziehens der Moderne. Es scheint, als ereilte die muslimische Kulturgemeinschaft das, was zuvor die abendländische und die ostasiatische ereilt hat. Eine bis dato religiös, familiär, agrarisch strukturierte Gesellschaft transformiert sich zu einer rationalen, säkularen Industriegesellschaft und ist danach nicht mehr dieselbe. Was den Muslimen bezüglich der Religion bevorsteht, können sie an den christlich-abendländischen Gesellschaften ablesen: In diesen hat sich das Christentum selbst massiv geschwächt. D.h., es ist ins Private entsorgt und somit nicht mehr bestimmender Teil der gesellschaftlichen und vor allem der politischen Lebenswirklichkeit.
Das Dilemma der muslimischen Glaubensgemeinschaft besteht in nichts Geringerem, als dass der so sehr ersehnte wirtschaftliche und politische Erfolg im Wettbewerb der Kulturen die Selbstaufgabe erfordert. Genau das, was den konservativen Muslimen das Liebste und Teuerste ist; genau das, was sie als Kultur kennzeichnet – ihre Traditionen, ihre Religion –, ist das, worauf sie verzichten müssen. Nur dann können sie mit den modernen ostasiatischen und abendländischen Kulturen konkurrieren. Das heißt hinsichtlich der Religion aber nichts anderes, als dass sie aufhören würden, als Muslime zu existieren. Die faktische Entmachtung des Christentums in den westlichen Gesellschaften ist auch nicht mit der physischen Auslöschung der Christen einhergegangen, sondern mit der Auslöschung der christlichen Glaubensgewissheit in den Herzen vieler (ehemals) christlicher Individuen, die die Gesellschaft bilden.
Und die Muslime ahnen wohl, dass ihnen genau dieses Schicksal beschieden ist. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Islamismus als Massenphänomen in einer Zeit auftaucht, in der die Auslöschung der tradierten kulturellen Identität der Muslime real geworden ist, in einer Zeit, in der die Assimilation an die säkularisierten Gesellschaften schon weit fortgeschritten ist. Vielfach rekrutieren die islamistischen Terrorgruppen ihren Nachwuchs aus der akademisierten Mittelschicht, einem Milieu, das bezeichnenderweise mehr Überschneidungen mit der westlichen Kultur hat als die stärker traditionell gebundene Landbevölkerung. In Europa lassen sich häufig muslimische Migranten der dritten Generation vom Islamismus faszinieren. Es ist genau jene Generation, die sich in ihrem Lebensalltag bereits so weit von der Tradition entfernt hat, dass jene sich aufzulösen beginnt. Genau jene Generation, in deren persönlicher Existenz der Verlust eines Jahrhunderte alten Erbes wirklich wird. Wann immer diese jugendlichen Muslime sich Turnschuhe kaufen, Rapmusik hören, Alkohol trinken, Drogen nehmen, Pornos schauen, einen höheren Bildungsabschluss erzielen, viel Geld verdienen; wann immer sie also den Verlockungen der modernen kapitalistischen Gesellschaft erliegen, geben sie ein Stück ihrer traditionellen Identität auf. Diese traditionelle Identität ist unrettbar verloren, nicht etwa, weil der Westen den Muslimen eine neue Identität aufzwingt, sondern weil der einzelne traditionsbewusste Muslim sich selbst dafür entscheidet – und damit aufhört als traditionsbewusster Muslim zu existieren.
Und genau hier, in dieser Selbstaufgabe, in diesem unausweichlichen Untergang ihrer tradierten Welt, liegt – so die These – der Schlüssel für die Gewaltbereitschaft radikaler Muslime. Wenn die oben angesprochenen Parallelen zwischen dem Faschismus und dem gegenwärtigen Islamismus nicht zufällig, sondern in einer strukturellen Verwandtschaft begründet sind, dann ahnt man, was der Welt bevorstehen noch könnte. Nicht etwa ein Sieg der Islamisten, wohl aber weiterhin eine maßlose Gewaltausübung in Terror und Krieg. Die Errichtung eines islamischen Gottesstaates, eines Kalifats, ist im Grunde nichts Geringeres als der Versuch, den Gang der Geschichte aufzuhalten. Natürlich ist dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt. Und genau dieses Scheitern ist dem Islamismus zutiefst immanent. Als politisches Ereignis ist der radikale Islamismus der unbewusste Versuch, dieses Scheitern zu heroisieren – in dieser Geste liegt seine Größe und seine Anziehung. Im heroischen Beharren auf dem Verlorenen liegen seine Attraktivität und Vernichtungsbereitschaft. Warum nicht maßlos zerstören, wenn der Untergang gewiss ist? Diese Untergangsahnung manifestiert sich in jedem Selbstmordanschlag, in jeder öffentlich zelebrierten Hinrichtung.
Nur was ist an einer islamistisch geprägten Gesellschaft so erstrebenswert, dass ihre radikalen Anhänger lieber sterben als auf sie zu verzichten? Wer will schon Verschleierung, Zwangsehen, Ehrenmorde, Blutrache, Analphabetismus gegen Demokratie, Wohlstand, eine funktionierende Gesundheitsversorgung und individuelle Freizügigkeit eintauschen? Offensichtlich verfehlt diese Frage das Phänomen. Das Individuum, also der freie selbstbestimmte Mensch, ist ein dünner Firnis auf einer Jahrtausende alten Geschichte, die den einzelnen Menschen zumeist nur als ausführendes Organ seiner Sippe und seiner Klasse kennt. Innerhalb derer war er in ein enges Beziehungsgeflecht korsettiert, das seine Gefühle, Ideen und Handlungen bestimmt. In prämodernen Gesellschaften prägen kollektivierende Elemente wie Sippe und Religion das Denken und Fühlen des Einzelnen. An den modernen Menschen des Westens können die Muslime ablesen, dass dem Westler offenbar der Sinn für Familie und für Gott abhandengekommen ist. Die massenhafte Entspiritualisierung, die unter dem Titel `Aufklärung´ Eingang in die abendländische Geschichte gefunden hat, hat sich natürlich nicht nur auf der kognitiv-intellektuellen Ebene vollzogen, sondern auch auf der emotional-charakterlichen: und zwar als die massenhafte Egoisierung der Menschen. Die Ich-Bildung, die Autonomisierung vollzieht sich im ganzen Menschen, auf der Gefühlsebene genauso wie auf der gedanklichen. Und dieser aufgeklärte Mensch ist autonom, selbstbestimmt, rational. Das heißt auch: Dieser aufgeklärte Mensch lässt sich nicht dazu herab, sich einem Gott oder seiner Familie zu unterwerfen, stattdessen handelt er fast immer zu seinem Vorteil: Ein solcher Mensch, wie er die westliche Welt bevölkert, ist eitel, kalt, berechnend und egoistisch.
Das Erscheinungsbild der westlichen Gesellschaft ist hinsichtlich ihres Wohlstandes attraktiv, hinsichtlich ihrer individualisierten, nihilistischen Subjekte und deren zerrütteter Familien aber auch abschreckend. Zwar wird man mit einem nie da gewesenen Ausmaß von Freiheit und Gleichheit entschädigt. Aber nicht jeder ist an Freiheit und Gleichheit gewöhnt, dass er verstünde, darin einen Vorteil zu sehen. Der Westen muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass die Aufklärung den Menschen nicht nur etwas gibt, sondern diesen auch etwas nimmt. So sehr die Angehörigen einer sich transformierenden Kultur die Vorzüge der modernen Gesellschaft auch herbeisehnen mögen, so sehr spüren sie auch den Verlust, den die Annahme dieser Vorzüge mit sich bringt. Es ist nichts Geringeres als der Verlust der eigenen Identität. Wer an dieser Identität hängt, dem ist das Leben ohne sie eventuell nicht mehr so viel wert. Der will die Welt dann vielleicht lieber zerstören, als mitansehen zu müssen, dass dieser Welt alles ausgetrieben wird, was ihm lieb und teuer – was ihm heilig – ist.